Wie zahme Haustiere führt uns die Polizei an der Leine.

Wofür kampf Ihr?

Technoparty und Antifa: Der 1. Mai in Berlin-Kreuzberg fühlt sich falsch an, wenn man weiß, dass in der Heimat alles in Flammen steht.

ALI CELIKKAN, 2017-05-03

Der 1. Mai in Berlin-Kreuzberg. Tag der Arbeit. Ich bin zum ersten Mal hier. Ich hoffe auf einen fröhlichen Weltuntergang. Nichts Aufregendes, nur so viel, dass es mich ein bisschen an zuhause erinnert. Um vier Uhr soll es eine Demo geben. Aber bereits nach den ersten 50 Metern, auf dem Weg über die Skalitzer Straße zum Lausitzer Platz, vergeht mir die Lust. Um mich herum ist Party. Eine überdimensionierte Party. Überall Menschen, die sich um nichts zu sorgen scheinen. „Freiheit bedeutet nicht, dass man es sich bequem macht“, sagt mein Kumpel und ich nicke besserwisserisch – dabei habe ich keine Ahnung, was diese Menschen bewegt.

Ich sehne mich nach Freiheit. Aber nicht nach dieser Freiheit; einer Freiheit, die man nicht zu schätzen weiß, weil sie so billig zu haben ist. Klar, jeder*r muss mal feiern…

Ich stehe auf einer Anhöhe und versuche die Proteste mit meiner Kamera einzufangen. Unter mir, am Fuße des Hügels im Görlitzer Park, wird kollektiv in der Masse geschifft. Während die Pisse im Schwall die Straße runterrinnt, werden anderswo israelfeindliche Parolen laut. Sie sind nicht laut genug, um die ohrenbetäubenden Bässe zu übertönen.

War Berlin nicht immer schon eine riesige Party? Was hatte ich anderes vom 1. Mai erwartet?

Ich folge den roten Fahnen über die Ohlauer Straße. Ein Amerikaner ist über die Lautsprecher zu hören, er erzählt von Chicago, Palästina und Kurdistan. Ich kenne die Protestlieder, die die Menschen singen. „Hoch! Die! Internationale!“ Aber hier sind sie mit Percussions unterlegt, verstärkt durch die Boxen, angebracht an einem Minibus, an der Spitze der Demonstration. Es klingt gut. Um zwanzig vor sechs riegelt die Polizei vor uns die Straße ab. Kein Durchgang mehr zum Kotti. Wir müssen einen anderen Weg zum Oranienplatz nehmen.

Als ich Richtung Südblock einbiege, treffe ich Carsten. Carsten ist Anwalt. Er erklärt mir nochmal, was ich schon zuvor von anderen gehört hatte: Dass diese Veranstaltung nichts weiter als ein großes Spektakel ist. Ich denke: Um was es eigentlich geht, findet woanders statt. Während die Menschen hier fröhlich feiern, steht mein Land in Flammen. Meine Gedanken sind in Istanbul.

Um 18 Uhr erreiche ich den Oranienplatz. Menschen in allen Richtungen soweit ich blicken kann. Angeblich solle es um 18.30 Uhr eine unangemeldete Demonstration geben. Um mich herum schwarze Kapuzen, ein blindes Zeichen. Angespanntes Warten. Sie wollen die betrunkene Unbekümmertheit der Oranienstraße durchbrechen. Wir alle warten darauf, dass die Leuchtbomben zünden.

Während sich der Tag dem Ende neigt, verpestet das Gas, das aus farbig leuchtenden Bengalos strömt, die Luft. Am liebsten würde ich vor lauter Aufregung laut „Allaaaaah“ rufen, aber wahrscheinlich ist das keine so gute Idee.

Wir laufen weiter, in einem Atemzug die Oranienstraße runter. Rechts und links stehen Menschen, die Bierflasche in der einen Hand. Sie beobachten den Demozug, der sie gerade passiert, und zollen ihm mit der anderen Hand mit hochgereckter Faust Respekt.

Die Naunystraße liegt hinter uns, wir bewegen uns weiter Richtung Reichenberger Straße. Die Polizisten haben uns eingekesselt. Wer glauben diese Anti-Faschisten zu sein? Für was kämpft ihr? Es gibt einige, die eindeutig scharf darauf sind, sich mit der Polizei zu prügeln. Ich verstehe es nicht. Wahrscheinlich, weil ich es nicht gewohnt bin. Sie beschimpfen und bespucken die Polizisten. Sie warten auf eine Reaktion. Sie kommen mir vor wie besoffene, aggressive, große und kleine Kinder. Aber ich muss zugeben: Mir gefällt die Stimmung. Es ist unmöglich, sich von dieser Energie nicht anstecken zu lassen.

Woanders auf der Welt hätten mir die Böller und Feuerwerkskörper vermutlich längst den Fuß weggesprengt, aber nicht hier, auf dieser „alles-unter-Kontrolle-Party“ in Deutschland. Die Antifa mit ihren schwarzen Kapuzenpullis mag die Reihen anführen. Aber schaut euch diejenigen an, die sich mit dem System, dass ihr zerstören wollt, arrangiert haben: Wie fröhlich sie sind. Nicht enden wollende Technomusik beherrscht die Straße. Techno, Bier und Sonnenbrillen. Gelächter.

Liebe Antifaschist*innen, gebt mir die Hand. Lasst uns lieber gemeinsam durch die tränengasfreien Straßen Berlins driften. Wir alle wissen doch schon während wir die Pannierstraße hinunterlaufen, dass heute weder die Sonne scheinen wird, für keinen für uns, noch dass sich das System so einfach zerschlagen lässt.

“Ah, Ah, Antifaschista!“ Wie zahme Haustiere führt uns die Polizei an der Leine. An jeder Kreuzung dasselbe Spiel: Die Polizisten trampeln in Formation. Die schwarzen Kapuzen pfeifen und brüllen „Ganz Berlin hasst die Polizei“, „Buuuuhhhh“. Fast kommt es zum Gefecht, möglicherweise liegt sogar der Geschmack von ein bisschen Tränengas in der Luft. Die Türkei brennt und ich kann nicht aufhören mich schlecht zu fühlen, weil ich hier bin – und nicht dort, wo es wirklich gegen das System zu kämpfen lohnt.

Egal: Auch diese Gedanken können mein haltloses Treiben in Berlin nicht verhindern. Der Taksim-Platz in Istanbul war am 1. Mai gesperrt, es gab hunderte Festnahmen. Während die Türkei auf eine Katastrophe zusteuert, warte ich hier am Ende dieser Demonstration auf die unvermeidlichen Festnahmen. Die Polizei hat alles was geschehen ist, aufgezeichnet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wissen will, was heute noch alles geschieht.

Das war nicht die Aufregung, die ich gesucht hatte. Während die Türkei in Flammen steht, war ich nicht mehr als ein Anhängsel in einer kolossalen chaotische Party. Ich verlasse den Ort des Geschehens. Heute ist Tag der Arbeit. Ich gehe zu einem Spätkauf auf der Schönleinstraße und arbeite.

ALI CELIKKAN, 2017-05-03
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