Insgesamt 301 Arbeiter sind bei dem Bergwerksunglück gestorben.

„Kein Unfall, sondern Mord“

In der Provinz Soma ereignete sich 2014 der schwerste Bergwerksunfall in der türkischen Geschichte. Ein Gerichtsurteil gegen die Verantwortlichen ist noch nicht gefällt.

KUTLU ESENDEMIR, 2017-05-12

Vor drei Jahren, am 13. Mai 2014, ereignete sich das schwerste Bergwerksunglück in der türkischen Geschichte. Bei dem Arbeitsunfall, der auf Sicherheitsmängel der Miene zurückgeführt wird, sind 301 Bergarbeiter ums Leben gekommen. Diese hinterließen 255 Witwen, 438 Halbwaisen und je 300 Mütter und Väter, die ihren Sohn verloren haben. Einer dieser Väter ist İsmail Çolak, dessen Sohn Uğur zum Zeitpunkt des Unfalls erst 26 Jahre alt war. Ismail Çolak, selbst ein Bergarbeiter, ist gemeinsam mit dem Verein für soziale Rechte, „Sosyal Haklar Derneği“, vor Gericht gezogen. Die Verhandlungen gegen sechs Angeklagte, sind heute noch nicht abgeschlossen. Ein Gespräch mit İsmail Çolak über das Bergwerksunglück und den juristischen Kampf.

Wie haben Sie von dem Unfall vor drei Jahren erfahren?

Auch ich war in der besagten Miene 25 Jahre als Bergarbeiter tätig. Zur Zeit des Unfalls habe ich mich mit Landwirtschaft beschäftigt und arbeitete auf dem Grundstück eines Freundes außerhalb von Soma, der dort Nussbaumfelder besitzt. Dort erhielt ich die Unglücksnachricht. Es hieß, es sei ein Feuer unter Tage ausgebrochen.

Was haben Sie dann getan?

Ich habe den Dorfvorsteher angerufen, der die Nachricht über das Feuer bestätigte. Da bin ich sofort mit dem Traktor zurück nach Soma gefahren. Im Krankenhaus, wo die Verletzten hingebracht wurden, herrschte totales Chaos. Es hieß, ein Transformator sei explodiert. Da ich mich in diesem Bergwerk auskenne, erscheint mir diese Erklärung nicht plausibel. Ein Transformator hätte kein Feuer diesen Ausmaßes verursacht. Wir haben auf eine plausiblere Erklärung durch die Arbeitgeber gewartet, die niemals erfolgte.

Was ist Ihrer Ansicht nach die Ursache für den Unfall gewesen?

Fahrlässigkeit des Arbeitgebers. Die Arbeiter erhalten keine ausreichende Schulung in Sicherheitsmaßnahmen. Das sagten auch die Angeklagten vor Gericht aus. Als ich 1985 im Bergwerk anfing, war das ein kleineres Unternehmen. In den 2000er Jahren ist das Unternehmen expandiert, allerdings sind mit den wachsenden Arbeitsaufträgen leider nicht die entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen erweitert worden. Dabei haben das Unternehmen nicht wenig Profit gemacht, sie haben die Kohle dem Staat verkauft. Sehenden Auges wurden unsere Kinder ermordet. Mein Sohn hatte in den Wochen zuvor bereits von den erschwerten Umständen unter Tage berichtet. Es sei ungewöhnlich heiß gewesen. Diese Aussage bestätigen auch die Angehörigen von anderen Arbeitern, die bei diesem Unfall gestorben sind.

Worauf stützte sich der Verdacht Ihres Sohnes?

Er sprach über eine hohe Gaskonzentration in der Mine. Es gibt internationale Richtlinien, die bei der Überschreitung einer Höchstgrenze für Kohlenmonoxid in einem Bergwerk die Stilllegung der Arbeit vorschreiben. Die Arbeitgeber aber hätten die Messgeräte, die den Kohlenmonoxidgehalt in der Luft anzeigen, manipuliert. Alles was für sie zählte, war der Profit.

Hatte Ihr Sohn je darüber nachgedacht, die Arbeit als Bergwerkarbeiter zu kündigen?

Ja, sobald er eine bessere Arbeit gefunden hätte. Dreieinhalb Jahre war mein Sohn dort tätig. Am Ende jeder Arbeitssaison erhalten die Arbeiter zusätzlich zum Gehalt eine Ration Kohle. Uğur sagte zu mir: „Lass mich noch diese Ration Kohle erhalten, dann höre ich dort auf Vater“. Es war nicht mehr lange hin. Ich hatte meinem Sohn diese Arbeit selbst besorgt. Er hatte geheiratet und musste für seine Familie sorgen. Eigentlich hat er eine Ausbildung zum Buchhalter gemacht, aber leider keinen Job gefunden. Ich bin auch Bergarbeiter, ich wusste um die Risiken.

In Soma gehen wohl die meisten Männer, die einen Job suchen, zu dem dortigen Bergwerk.

So ist es. Früher haben wir Tabak und Rüben angebaut, aber die Landwirtschaft wurde zerstört. Da blieb uns nur noch das Bergwerk. Sie haben geknechtet.

Haben Sie unter Tage je einen Arbeitsunfall gehabt?

Im Jahr 2000, da war Uğur erst 12 Jahre alt, wurde ich während einer Nachtschicht verschüttet. Ich habe mich schwer verletzt und hatte viele Knochenbrüche. Als im Krankenhaus zu mir kam, war mein Sohn bei mir. Er sagte: „Du schaffst das schon.“ Ich war sechs Monate arbeitsunfähig. Es schmerzt mich, dass ich meinem Sohn nicht beistehen konnte. Sie müssen schrecklich gelitten haben.

Nach dem Unglück war der damalige Ministerpräsident Erdoğan vor Ort. Gegen seinen Besuch wurde protestiert.

Kein Wunder. Es ist nicht zu fassen, dass sein Berater Yusuf Yerkel einen Demonstrierenden getreten und Erdoğan einen anderen geohrfeigt hat. (Erdoğan flüchtete sich vor den Buhrufen in einen Supermarkt. Auf Videos ist ein Handgemenge zu erkennen, wobei ein körperlicher Übergriff durch Erdoğan dementiert wird, Anm.d.Red.). Besonders verletzend war Erdoğans Aussage ‚Unfälle passieren eben‘ und dass er das Ereignis in Soma mit Arbeitsunfällen in englischen Minen im 19. Jahrhundert verglich. Dabei hatten Regierungsvertreter nach dem Grubenunglück in Chile gespottet, sie hätten die Kumpel in zwei Tagen befreien können.

Drei Jahre nach dem Unfall läuft das Gerichtsverfahren immer noch.

Ich glaube nicht, dass es sich noch um ein faires Verfahren handelt. Schließlich wurden auch auf politischer Ebene keine Konsequenzen gezogen. Ob im Energieministerium und Arbeitsministerium, bei der Geschäftsführung der Vereinigung der Bergwerksarbeit oder den türkischen Kohlebetrieben – niemand wurde zur Rechenschaft gezogen. 38 Tage vor dem Minenunglück hatte Inspektoren des Energieministeriums dem Bergwerk in Soma ein Bestzeugnis ausgestellt.

Was erwarten Sie von dem Gerichtsverfahren?

Egal, wie das Urteil lautet, wir werden eine Instanz weiter gehen, bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, damit auch die Verantwortlichen im Staatsapparat verurteilt werden. Die gesamte Schuld wird auf fünf Ingenieure und ein technischen Mitarbeiter abgewälzt. Und nun versuchen sie das Massaker sogar der FETÖ in die Schuhe zu schieben. Es heißt, es handle sich um Sabotage eines Arbeiters, der den Brand verursacht hat.

Wie sind die Familien in diesem Verfahren zusammengekommen?

Wir haben uns organisiert. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die zur Kondolenz nach Soma anreisten, haben uns dazu bewegt. Wir haben in Istanbul Kamil Kartal, den Soma-Vertreter des Vereins für soziale Gerechtigkeit, kennengelernt und den Beschluss gefasst, alle 301 Familien zu kontaktieren und dies auch getan.

Mit welchen Schwierigkeiten waren Sie konfrontiert?

Die Stadthaltung hat kurz nach dem Unfall die Einreise nach Soma nur noch für Geistliche gestattet. Nur ihnen war es gestattet, die Opferfamilien zu besuchen. Dabei haben sie den Familien ständig in den Ohren gelegen: „So ist nun mal das Schicksal, das war Gottes Wille.“ Die Geistlichen legten den Familien nahe, keine Gotteslästerung zu betreiben, nicht an die Presse zu gehen, keine Interviews zu geben und an keinen Protesten teilzunehmen. Sonst würde ihnen das Einkommen, das Essen und die Kohle gekürzt werden. Doch mit diesen Drohungen konnten sie bei mir nichts ausrichten. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich vermute, dass sich manche Familien auf einen Deal mit dem Arbeitgeber eingelassen haben. 40 Familien haben sich an der Klage nicht beteiligt. Auch mit unserer Familie setzte sich das Unternehmen in Verbindung, allerdings haben meine Frau und meine Schwiegertochter sie aus dem Haus gejagt.

Der Staat hat für Ihren Sohn und seine Kollegen ein „Märtyrergrab“ errichten lassen.

Der Staat spricht von „Märtyrern“, aber erteilt ihnen nicht den rechtlichen Status eines Märtyrers. Es geht mir persönlich nicht ums Geld, aber solange diese Menschen rechtlich nicht als Märtyrer eingestuft werden, erhalten die Familien auch keine finanzielle Unterstützung. Die Regierung hält nicht die Versprechen, die sie gab. Dabei hatte der damalige Energieminister Taner Yıldız rumgetönt, dass sie alle Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen werden, auch wenn sie die Söhne ihrer Väter seien. Die Verurteilung der Inspektoren seines Ministeriums gestattet er aber nicht.

Welche Aktivitäten sind für den diesjährigen Jahrestag geplant?

Es gibt einen Gottesdienst auf dem Friedhof, anschließend eine Andachtsfeier. Die Familien der Todesopfer veranstalten jedes Jahr eine Demonstration mit Kundgebung. In diesem Jahr wurde dem Protest zuerst stattgegeben und anschließend verboten. Diverse Parlamentsabgeordnete und die Sicherheitsbehörde der Provinz wurden eingeschaltet, schließlich kam man zu einer Übereinkunft.

KUTLU ESENDEMIR, 2017-05-12
ZURÜCK
TEILEN
MEHR VOM AUTOR
Unterstützen Sie taz.gazete und unabhängigen Journalismus im Netz!