„Wir hatten Erdöl, aber Amerika verbot uns, es zu fördern.“

Königin der Komplotte

Von der Superatomkraftbirne gegen Krebs, zu unentdeckten Bodenschätzen – die Türkei ist zweifelsohne das beste Land der Welt. Aber am besten kann sie Verschwörungstheorien.

BARIŞ UYGUR, 2017-06-25

In der Grundschule wurde uns beigebracht, die Türkei sei eins von sieben Ländern auf der Welt, die absolut autark existieren könnten. Nur wenige haben sich gefragt, welches wohl die sechs anderen Länder sind und wissen das bis heute nicht. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen:

Erstens: Diese Annahme beruht auf einer falsch interpretierte Statistik oder ist schlichtweg erlogen, also Blödsinn.

Zweitens: Es gibt fünf Clans, die im Hintergrund die Welt regieren. Diese wollen nicht, dass die besagten sieben Länder zur Autarkie fähig sind und ließen mit finsteren Machenschaften bereits sechs Länder ausschalten. Die Türkei ist als letztes Land übrig und steht auf der Abschussliste. Entsprechende Dokumente liegen unter Verschluss in den Archiven des British Museum.

Weltmarktführer in allen Branchen

Möglicherweise findet manch einer die letztere Erklärung etwas abstrus, allerdings kursieren weit abstrusere Verschwörungstheorien. Denn bekanntermaßen ist unsere himmlische Heimat auf unzähligen Gebieten die Nummer eins. Ob beim Quitten oder Granatäpfelanbau, vor allem aber in der Haselnuss- und Aprikosenbranche sind wir marktführend.

Doch während die Agrarflächen in der Türkei immer kleiner werden, weil alles zubetoniert wird, gibt es ein Metier, dessen Marktführung wir uns unter keinen Umständen nehmen lassen: die Branche der Verschwörungstheorien!

Selbstverständlich gibt es überall auf der Welt Verschwörungstheorien: von Tetris, das in der Sowjetunion programmierte Computerspiel, welches über die Welt verbreitet wurde, um den Kapitalismus zu stürzen, bis hin zu der Saga, dass bei den Terroranschlägen vom 11. September die Zwillingstürme gar nicht durch den Einschlag der Flugzeuge eingestürzt seien.

Warum aber finden Verschwörungstheorien in der Türkei, die einfache Dinge verkomplizieren und Kompliziertes vereinfachen, mehr Anhänger als vernünftige Analysen?

Superatomkraftbirnen gegen Krebs

Es beruhigt uns, Fakten, die uns nicht gefallen, die wir nicht begreifen oder nicht akzeptieren wollen, zu leugnen. Oder einfach zu behaupten, Dinge seien eigentlich gar nicht so, wie sie zu sein scheinen. Wenn du in einem Land lebst, in dem sich täglich schwer hinnehmbare Dinge ereignen, häuft sich eben die Anzahl von Verschwörungstheorien, die man zu hören bekommt. Das wird wohl einer der Gründe dafür sein, weshalb die Türkei seit Jahren den Thron der Komplottwissenschaften an niemanden abtritt.

Beim Wehrdienst sagte einer unserer Ausbilder: „Jungs, habt ihr von der Super-Birne gehört? Das ist eine Birne, die gegen Krebs hilft und bei der Produktion von Atomenergie verwendet wird. Sie wächst nur in der Türkei, aber man erlaubt uns nicht, sie anzubauen.“

Da es sich um einen lustigen Oberst kurz vor der Rente handelte, der bei jeder Gelegenheit Witze erzählte, dachte ich zunächst, er macht einen Scherz. Später wurde mir allerdings klar, dass er glaubte, was er da von sich gab. Wie sich jeder, der seinen Wehrdienst hinter sich hat, vorstellen kann, hielt ich natürlich den Mund.

Bor, Thorium und andere Wunderelemente

Als ich klein war, kursierte die Story, die Türkei verfüge über unglaubliche Erdölressourcen, aber die USA erlaubten uns nicht, diese abzubauen. Wir waren wie eine von Not und Elend niedergedrückte, verrückte Familie, die sich damit tröstet, reiche Verwandte in Ägypten zu haben und diese illusionären fernen Verwandten, die sie nie zu Gesicht bekommen hatte, eines Tages zu beerben.

Wir hatten Erdöl, aber Amerika verbot uns, es zu fördern. Aserbaidschan, Kuwait, Irak, Iran, Venezuela, Russland durften ihr Öl fördern, nur uns verwehrte man es. Später verbreiteten sich über das Internet Geschichten darüber, dass in unserem Land Bor und Thorium vorkommen, und weitere unzählige Elemente, die nicht im Periodensystem stehen, aber Trillionen Dollar wert seien.

Doch statt dass die Leute, die solche Geschichten verbreiteten, verärgert darüber sind, weil die Türkei die großen einheimischen Ressourcen nicht nutzen kann, sind sie insgeheim glücklich darüber, auf diesen vermeintlich ungeheuren Reichtümern zu sitzen. Denn damit wäre erklärt, warum die Wirtschaft schlecht läuft, ohne dass wir etwas damit zu tun hätten. Und wir können, ohne selbst irgendwelche Verantwortung zu übernehmen, die Schuld dafür anderen in die Schuhe schieben.

Nervenkitzel für den Alltag

Die Kurdenfrage zum Beispiel, genauso alt wie das Land selbst, ist nicht etwa deshalb ungelöst, weil wir nicht den richtigen Weg zum Frieden finden, sondern weil die Großmächte der Welt heimlich den Konflikt anheizen. All die Jahre haben wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht, die schlechten Noten, aber dennoch nicht verdient. Denn immer hat der Lehrer uns „auf dem Kieker“.

Nicht zu vergessen ist natürlich der Nervenkitzel bei der ganzen Sache mit den Verschwörungstheorien. Wenn jemand etwas wie „die Geheimparagraphen des Lausanner Vertrags“ erfindet, erwärmen sich selbst Leute, die sich nicht einmal die Mühe machen, den Vertrag zu lesen, sofort für eine solch aufregende Information.

Denn jeder dieser „Geheimparagraphen“ könnte einen Skandal auslösen und das Land total umkrempeln. Dass im Verborgenen geheime Räte oder finstere Clans sämtliche Drähte ziehen, dass Agenten unter uns sind, wie wir es sonst nur aus Filmen kennen, ist aufregend und sorgt zugleich dafür, dass man sich wichtig fühlt.

Echte Verschwörungen

Schlimm dabei ist, dass es nicht gelingt, Verschwörungstheorien zu widerlegen, egal wie sehr man sich darum bemüht. Wenn es heißt „Es gibt die Super-Birne“ und du erwiderst: „So eine Birnensorte existiert nicht“, lautet die Antwort: „Es gibt sie nicht, weil wir sie nicht anbauen dürfen, sie wird geheimgehalten.“

Die Fakten, die du anführst, um die Theorien zu widerlegen, stärken für dein Gegenüber nur seine Beweisführung. „Ach was, so einen Lausanner Paragraphen gibt es nicht!“, „Ist ja auch geheim, deshalb weißt du nichts davon.“

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass es überhaupt keine Verschwörungen gäbe. Wir haben gesehen, wie Justizbeamten versuchten, den Journalisten Ahmet Şık in Ermittlungen wegen Putschvorbereitungen hineinzuziehen, weil ihnen das Buch, an dem er schrieb, nicht gefiel. Ebenso haben wir erlebt, wie Beweise für die Anklage fingiert wurden und wie die von der Regierung kontrollierten Medien diese vermeintlichen Beweise legitimieren sollten.

„Der Westen“ als Sündenbock

Aus diesem Grund können wir die Behauptung, der Umsturzversuch vom 15. Juli 2016 sei so früh durchgesickert, dass man ihn hätte verhindern können, nicht einfach ignorieren oder gar hinweglachen. Es ist wohl auch nicht die Regel, dass Fethullah Gülen, der Hauptverdächtige für den Coup, auf Empfehlung ehemaliger CIA-Chefs in den USA eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis als „Ausnahmetalent im Bildungssektor“ erhielt.

Bevor man aber nun urteilt, die USA steckten hinter der Gülen-Bewegung, sollte man doch berücksichtigen, dass eine Reihe föderaler Behörden in denselben USA sich seit Jahren um seine Abschiebung bemühen.

Fängt man an, die gesamten USA, Deutschland oder England als einen einzigen Akteur aufzufassen, entsteht leicht eine Verschwörungstheorie. Weder die Regierung, noch die Opposition in der selbst extrem gespaltenen Türkei finden es schlimm, die USA oder Deutschland als geschlossene Gebilde zu betrachten.

Deutschland macht alles möglich!

Wenn es aber andersherum um die Türkei geht, schaffen es 330 Millionen Amerikaner, 80 Millionen Deutsche einhellig zu handeln. Geht ein Autor aus der Türkei in eines dieser Länder, um dort zu leben und schreiben, verschmilzt er im Handumdrehen mit diesen 330 bzw. 80 Millionen Menschen. Selbst das deutsche Innenministerium beeilt sich, diesem Menschen einen Pass auszustellen.

Ich gebe hier gleich die nötigen Infos, damit es nachher keine Mühe macht: Um diese Artikel zu schreiben, hat die taz mir einen Vertrag vorgelegt, der „Geheimparagraphen“ enthält, den ich mit meinem Blut unterschrieben habe. Diese Paragraphen sind so geheim, dass nicht einmal ich sie kenne.

Mir wurde gleich ein deutscher Pass ausgestellt. Wie hier üblich sollte ich Hans heißen, doch das konnte ich gerade noch verhindern. Ich ließ mich nach Dr. Krüger benennen, meinem inzwischen verstorbenen Bio-Lehrer vom Gymnasium: Gerhard. Außerdem habe ich ihr Wort: Sie sorgen dafür, dass der BND mich aufnimmt und George Soros für meine Aufnahme in die Iluminati. Ich bin schon tierisch aufgeregt.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

BARIŞ UYGUR, 2017-06-25
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