„Was geht Tayyip. Wir sind auch hier“

Die G20-Proteste in Hamburg richteten sich vor allem auch gegen den türkischen Präsidenten Erdoğan – der Teil eines größeren Problems ist.

ALI CELIKKAN ALI ÇELIKKAN, 2017-07-10

Am Wochenende wurden die Straßen von Hamburg zum Schauplatz von kreativen Aktionen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Der Marsch der Gerechtigkeit, der zur selben Zeit Istanbul erreichte, hatte mit den Demonstrationen gegen den G20-Gipfel eine Gemeinsamkeit: die Forderung nach Gerechtigkeit. Und es gab eine Person, die es geschafft hatte, zum Gegenstand beider Demonstrationen zu werden: Recep Tayyip Erdoğan.

Es ist der Abend der 3. Juli. Helikopterlärm hängt über der Stadt. Die Straßen sind voller Menschen. Alkohol aus den ortsansässigen Spätis wird zur Rockmusik getrunken. Es sieht aus wie auf einer riesigen Party, um den Untergang der Welt zu zelebrieren. Der lasche Wasserstrahl der Wasserwerfer heizt die Menge nur weiter an.

Hamburg gilt als links geprägt. Hier eint die Menschen, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, der Gedanke: „Wir wollen weder die Politiker noch die Polizei! Verschwindet hier.“ In den darauf Folgenden Tagen ereignet sich kleinere und größere hedonistische Aktionen. Doch die Hölle bricht erst aus, als die Staatsoberhäupter des G20 die Stadt erreichen.

Foto: Onur İnal

Es ist der 7. Juli: „Welcome to hell“. Während hunderte Menschen auf den Demonstrationsplätzen die Straßen fluten, landen die Flugzeuge der mächtigsten Regierenden der Welt am Hamburger Flughafen. Unter den Demonstrierenden sind auch viele Menschen aus der Türkei.

Den Kuchen in die Fresse knallen

In der Menge befindet sich Eren aus Köln. Er trägt ein Schild mit der Aufschrift „Was' geht Tayyip. Wir sind auch hier.“ Eren war damals auch bei den Protesten im Gezi-Park dabei. Doch nach den Explosionen in Suruç hat er die Türkei verlassen. „Bei diesem Massaker habe ich viele Freunde verloren. Der Staat zwingt mich regelrecht, mich zu radikalisieren. Humor und gute Laune war bei Gezi unsere größte Waffe. Ich bin nach Deutschland zurückgekehrt, um meine Laune wieder zu erlangen“, so Eren.

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„Die Verantwortlichen für die von Menschen gemachten Probleme der Welt haben sich hier versammelt, um den Kuchen weiter untereinander aufzuteilen. Wir sind hier, um ihnen den Kuchen in die Fresse zu knallen“, so Eren weiter. Tolga, ein Freund von Eren, hat sich für die Proteste gegen G20 aus Istanbul nach Hamburg aufgemacht. Er wolle, „alles was ihm und dem Planeten gehöre, sich wieder zurückzuerobern.“ Tolga, hat reichlich Erfahrungen mit Polizeigewalt in Istanbul gemacht. Er erzählt, dass man ihn unter dem Satz „von der Polizei halb tot geprügelt“ googeln kann. Tatsächlich kann man es.

Zwei Männer in Blaumännern fallen in der Menge auf. Je eine Cola in den Hosentaschen, beobachten sie neugierig und gleichsam zurückhaltend die Gegend. Kamber und Kazim nennen sie sich. Ursprünglich stammen sie aus der mittelanatolischen Stadt Kayseri, şderzeit arbeiten sie als Bauarbeiter in Hamburg. Kazim meint, dass sich die Gesellschaft blind stelle. „Sind diese Wichser nicht verbrüdert mit Gülen gewesen? Auch wenn es dauern wird: die Machthabenden werden alle irgendwann weg vom Fenster sein“, so Kazim weiter.

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Die Demonstration geht gleich los. Die treibende Kraft der Proteste, die sich aus autonomen Gruppen zusammensetzt, der sogenannte schwarze Block formiert sich am Kopf des Demonstrationszuges. Zwei Jugendliche laufen hinter dem schwarzen Block. Ercan und Metin sind gebürtige Hamburger. Nach ihrer Einstellung zum türkischen Präsidenten gefragt, macht sich Ercan über seinen Kumpel Metin lustig und sagt: „Der hier ist ein Erdoğan-Anhänger.“ Metin dementiert das nicht und sagt: „Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass sie alle seit dem Erstarken Erdoğans, Angst vor uns haben. Das sage ich als in Deutschland lebender Türke.“

„Los, Journalist, los!“

Metin ist da ganz anderer Meinung. „Ich bin Lehrer. Ich arbeite für den deutschen Staat. Seit Erdoğans autoritärem Führungsgebaren werden wir nach unserer Einstellung zu ihm beurteilt. Für seine Vergehen werden wir hier bestraft.“ Derweil gesellt sich ein dritter Kumpel zu den beiden Freunden: „Los, Journalist, los. Zeig allen: die kurdische Jugend stellt sich gegen den Faschismus“, brüllt er los.

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Die Polizei verkündet über ihre Lautsprecher, das Vermummte nicht an der Demo teilnehmen dürfen. Die Menge buht und wird ungeduldig. Plötzlich prescht die Polizei mitten in die Menge hinein. Die Hölle bricht aus. Flaschen, Steine, Pfefferspray und harter Wasserstrahl. Die Menge rette sich mit letzter Kraft über die Wände in Richtung Hafen. Es wird immer schwieriger, zu atmen.

Eine zweite Gruppe bewegt sich in Richtung der Barrikaden. Die Polizei kann die Menge nicht aufhalten. Unzählige Flaschen und Steine, geworfen von unzähligen Menschen regnen genauso wie auf die Polizisten auch auf die Demonstrierenden. Viele brüllen Polizsten an, die Gewalt gegen sie anwenden. Niemand weicht von der Seite. Es war wirklich ein Fehler, den G20 in Hamburg zu veranstalten.

Die Ereignisse ziehen sich bis in die Abendstunden. Als die Sonne untergeht, versammeln sich die Menschen im Schanzenviertel. Es brennt in den Straßen. Es gibt etliche Verletzte und Verhaftungen. Alles was im Morgengrauen übrig bleibt, sind der Geruch von Pfefferspray und Tränengasschwaden.

Es ist der 7. Juli: Tag eins des G20-Gipfels. Während die Regierungsoberhäupter sich auf dem Messegelände beraten, finden in der statt diverse Demonstrationen statt. Auf dem Weg zum Stadtzentrum läuft am Straßenrand ein komplett in türkische Fahnen und Erdogan-Banner eingehüllter Junge von etwa 17 Jahren. Sein Name ist Yasin. Auf die Frage, ob eine Pro-Erdoğan-Demo stattfinden wird, antwortet er: „Steht nicht fest, mal sehen. Wir versuchen uns gerade zu organisieren.“

Ob sie das Redeverbot umgehen werden können? Zeitgleich kommt ein älterer deutscher Mann mit einem YPG-Shirt die Straße entlang. „Du Hurensohn! Guck dir diesen Terroristen mal an Abi, verpiss dich, şerefsiz!“, ruft Yasin, der Schwierigkeiten hat, sich zu beruhigen. Der ältere Mann ist darüber sichtlich verwirrt. Yasin, der Bescheid geben will, falls es eine Aktion für den „Reis“ (liebevolle Ansprache der Erdoğan-Befürworter, Anm.d.Red.) gibt, entfernt sich wieder.

Keine klassische Musik für den „Reis“

Im Anschluss an den Gipfel nehmen die Regierungsoberhäupter an einem Empfang der Kanzlerin in der Elbphilharmonie teil. Der Securityleiter fragt vor dem Gebäude, ob Herr Erdoğan bereits eingetroffen sei. Er arbeitet für eine Leihfirma, die den Sicherheitsdienst stellt. Der Securitymann wünschte, er würde sich um die türkische Delegation kümmern können. „Allerdings wurde ich den Australiern zugeteilt.“ Alle Staatsführer außer Erdoğan sind auf dem Empfang. Erdogan hatte sein Hotel nicht verlassen, das blockiert wurde. Das Auto, in dem sich der Sicherheitsdienst des türkischen Staatspräsidenten befindet, parkt vor dem Hotel.

Foto: dpa

Die Hotellobby ist voll mit Funktionären der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) und Geschäftsmännern. Einer der Sicherheitsbeamten sagt, der „Reis“ sei erschöpft. Erdoğan muss an diesem Tag, an dem er viel und oft kritisiert wurde, es vorgezogen haben, nicht mit klassischer Musik den Abend ausklingen zu lassen. Am Sicherheitscheck ein paar Meter weiter, warten ungefähr sechs Menschen. Einige von Ihnen halten eine türkische Fahne hoch. Auch wenn sie strenge Blicke in die Gegend werfen, warten sie doch träge darauf, dass endlich irgendetwas geschieht. Aber der „Reis“ wird das Hotel heute nicht mehr verlassen.

Genau zu dieser Zeit ist die Schanze, das Herz der Resistance, die Bühne für weitere Proteste. Viele der von der Polizei verdrängten Demonstrierende versammeln sich im linken Stadtteil. Auch wenn die Demonstrierenden durch die Polizeipräsenz angekotzt sind, positionieren sie sich gegen die Randalierer, die mit Steinen und Flaschen nach der Polizei werfen, da sie durch diese Aktionen auch sie gefährden. Keiner von ihnen möchte, dass ihr Kiez zerlegt wird.

Foto: Onur İnal

Während sich einige damit begnügen, antikapitalistische Sprüche zu klopfen, legen andere die Gegend in Schutt und Asche. Bankfilialen und Geschäfte werden in Brand gesetzt und zerstört. Manche kommen mit Laptopkartons in ihrem Händen vom Raubzug zurück. Eine Mann aus der Türkei, der eine Sozialistenfahne mit rotem Stern trägt, brüllt ein paar Polizisten an „Verpisst euch, ihr Hunde von Tayyip.“

„Eine andere Welt ist möglich“

Das wummernde Geräusch der Helis, die über das Viertel fliegen, ist lauter denn je, sie strahlen mit ihren Scheinwerfern in den Kiez. Die Straßenschlachten nehmen an Fahrt auf. Sondereinsatzkommandos mit Maschinengewehren stürmen das Schanzenviertel. Die Gegend ist für niemanden mehr sicher.

Es ist der 8. Juli, letzter Tag des Gipfels: Heute findet eine große Demonstration statt. Der Block der Kurden macht den Auftakt, die Aleviten, die Juni-Bewegung und Mitglieder der MLKP, kurz: alle von der der Türkei als terroristische Organisation eingestuften Gruppen befinden sich dort.

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Yavuz Feroğlu von der NAV-DEM, erklärt, dass die Demo-Kommission den Kurden angeboten hatte, die Spitze des Demozuges zu führen. Bezüglich der Diskussionen um die Verbote von Öcalanbildern und YPG-Symbolen in Deutschland sagt er: „Wir sind nicht hier, um uns mit der Polizei anzulegen. Wir demonstrieren gegen eine Politik im Sinne der Herrschenden und die Ausbeutung von Menschen. Aber dieses Verbot ist falsch. Wir haben niemandem gesagt, dass er keine Banner mitbringen darf. Wenn die Situation hier eskaliert, dann ist das nicht unsere Schuld, denn nicht wir haben damit angefangen. Wir sind hier, um unsere Rechte einzufordern. Eine andere Welt ist möglich.“

„Selbst der schlimmste Frieden ist besser als Krieg“

Zehntausende Menschen laufen vom Deichtorplatz Richtung St.Pauli. Die offizielle Zahl der Teilnehmerinnen ist 76.000. Im vordersten Block, der aus siebentausend Kurdi*nnen besteht, ertönen Slogans gegen den globalen Kapitalismus: „Es gibt eine Alternative zu diesem Regime in Rojava. Eine ökologische Alternative, basierend auf Menschen- und Frauenrechten.“ Songül aus Bremen läuft im kurdischen Block und trägt ein Erdoğan-Schild, auf dem „Despot“ steht. „Wir sind hier um für den Frieden einzustehen. Selbst der schlimmste Frieden ist besser als Krieg.“ Nicht nur im kurdischen Blog wehen YPG Fahnen.

Auch zahlreiche Angehörige der alevitischen Gemeinden in Deutschland nehmen teil. Rafet, Mitglied der alevtischen Gemeinde in Hamburg, sagt: „In unserem Land werden Aleviten diskriminiert und Erdogan kommt hierher um sein Spiel zu spielen.“ Ali, der eine Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) Fahne trägt, ist aus Nürnberg angereist: „Gewaltexzesse, bei denen die Menschen ihre eigenen Viertel zerlegen sind nicht in Ordnung.“ Auf die Frage, was er dazu sagt, dass die MLKP eine verbotene Organisation ist erwidert er: Ja, das stimmt. Und Symbole der PYD, die gegen den IS Kömpfen, sind in Deutschland verboten. Das zeigt, was für ein freies Land Deutschland ist.“

In den hinteren Reihen wehen die Fahnen der Juni-Bewegung, die sich aus Gezi entwickelt hat. Oğuz Yilmaz aus Frankfurt schickt dem March der Gerechtigkeit Grüße und fügt hinzu: Gezi war anders. Jene, die Gewalt anwenden, illegitimieren die Proteste hier.“ Und warum laufen sie nicht im kurdischen Block? „Sie haben andere Forderungen, wir sind nicht gegen sie, haben aber andere Ziele.“, so Yilmaz. Neslihan Celik sagt, die deutschen würden sie fragen, ob sie gegen Erdogan demonstrieren. „Auch er ist ein Teil des Problems, aber hier geht es um den Protest gegen das System.“, so Celik, die Parallelen in der Polizeigewalt sieht, aber die Hoffnung nicht aufgeben will.

Autogramme für die Mitarbeiter der Landesmedien

Zu dieser Stunde gibt Erdoğan eine Pressekonferenz. Das BKA hebt die Akkreditierung für Journalisten linker Medien auf. Erdoğan antworte auf schwere Fragen mit leichten Antworten. Wann kommen Demirtaş und andere HDP'ler frei. Sie sind also Terroristen, was ist mit den Menschenrechtlern auf Büyükada? Auch die sind Terroristen. Ok, und was ist mit Deniz Yücel? Keine Antwort. Bevor Erdoğan die Stadt verlässt, verteilt Erdoğan Autogramme an Mitarbeiter seiner eigenen Landesmedien.

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Während die Regierungsoberhäupter die Stadt verlassen, wird das Schanzenviertel ein weiteres Mal Schauplatz von Gewaltausbrüchen. Selbst Menschen aus antikapitalistischen und linken Blöcken verkünden nun nach und nach Statements gegen die sinnlose Gewalt. Jene, die in den vergangenen Tagen die Straßen in Brand gelegt haben, sind weniger diejenigen, die gegen den G20 protestieren, sondern ihren Frust ablassen wollten. Am Sonntag machen sich die Hamburger*innen gemeinschaftlich dazu auf, die Straßen von dem Schutt, den G20 hinterlässt, zu säubern. Während kleine Kinder Scherben wegfegen, ist es so, als hätte die vergangene Woche nicht stattgefunden.

ALI CELIKKAN ALI ÇELIKKAN, 2017-07-10
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