Peter Steudtner nach seiner Entlassung von der Haftanstalt in Silivri.

Der Bus, der in die Freiheit fuhr

In der Nacht zu Donnerstag kamen Peter Steudtner und sieben weitere Menschenrechtsaktivisten frei. Unsere Autorin hat sie empfangen

BANU GÜVEN, 2017-10-26

Nach 113 Tagen wurden die acht Menschenrechtsaktivisten endlich freigelassen. Der deutsche Staatsbürger Peter Steudtner kam nach Istanbul, um bei einem Seminar mit Menschenrechtsaktivisten über den Umgang mit Traumata und Stresssituationen aufzuklären. Die Polizei stürmte am 5. Juli das Treffen auf der Insel Büyükada und nahm die Menschenrechtler fest. Als die Seminarteilnehmer mit erhobenen Händen an die Wände gedrückt wurden, wussten sie nicht, was mit ihnen geschieht.

13 Tage verbrachte Peter Steudtner auf engstem Raum auf der Polizeistation auf Büyükada, ohne ein Wort Türkisch zu verstehen. Ich sah ihn, als er dem Haftrichter vorgeführt wurde. Er war sehr verunsichert. Die Polizisten warfen ihm vor, ein Agent und Terrorist zu sein, und steckten ihn für drei Tage in Isolationshaft. Als er bei seiner ersten Anhörung von seinen zwei Kindern und seiner Ehefrau in Deutschland erzählte, zitterte seine Stimme: „Ich kann nur alle zwei Wochen für zehn Minuten mit ihnen telefonieren.“

Sorgen um die Gesundheit

Der Angeklagte Ali Gharavi, schwedischer Menschenrechtler mit iranischen Wurzeln, hatte bei jedem Treffen mit seinen Anwälten Tränen in den Augen. In seiner Verteidigungsrede berichtete er von der Isolation, der Manipulation der angeführten Beweise und von zahlreichen Menschenrechtsverletzungen. „Ich sorge mich um meine physische und psychische Gesundheit“, sagte er. Das auszusprechen fiel ihm sichtlich schwer. Gharavi hat Probleme mit seinem Herzen. Zweimal brachte man ihn während der Haft in ein Krankenhaus. Er spricht kein Türkisch, und die Polizisten, die ihn begleiteten, sprachen kein Englisch. „Bei der ärztlichen Behandlung habe ich mich gefühlt wie ein Tier“, sagte er.

Der Staatsanwalt forderte die Fortsetzung der Haft von Veli Acu. Acu arbeitet für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Als er sechs Jahre alt war, flüchtete seine Familie wegen des Krieges in Siirt nach Ankara. Dieser junge Mensch hat sein ganzes Leben dem Kampf für Menschenrechte gewidmet. Wenn sie ihn nicht freigelassen hätten, hätte er die Geburt seines Kindes verpasst. Die Frau von Acu geht gerade durch eine schwierige Schwangerschaft. Am Verhandlungstag verstrich auf den Tag genau der neunte Tag ihrer Schwangerschaft. Und Veli hat auch gesundheitliche Beschwerden.“

Als Kind verlor ich bei einem Unfall ein Auge. Eines meiner Augen ist eine Prothese.Ich muss alle drei Monate zu einer Kontrolle gehen.“ Als er das sagte weinte seine Mutter. Als Acu sprach, zitterten die Lippen seiner Mutter die ganze Zeit. Sie betete die ganze Zeit für ihren Sohn. Alle im Gerichtssaal stellten sich die eine Frage: Weshalb soll Veli Acu als einziger in Haft bleiben?Die Richter haben sich wohl dieselbe Frage gestellt. Denn sie ließen neben den anderen sieben Menschenrechtsaktivisten auch ihn frei.

Die Freiheit feiern

Die Haft der Menschenrechtsaktivisten endete am Morgen des 114. Tages. Peter Steudtner, Ali Gharavi, Veli Acu und Günal Kurşun von der Menschenrechtsorganisation IHGD verließen die Haftanstalt von Silivri gegen vier Uhr. Mit Müllsäcken in der Hand stieg Steudtner aus dem Wagen der Haftanstalt – im Gefängnis sind keine Koffer erlaubt. Er sprach nicht viel. Vor den Kameras sagte er mit Tränen in den Augen: „Ich bedanke mich bei allen, die uns unterstützt und uns nicht drinnen vergessen haben.“

Dann steigen aus dem Wagen die Angeklagten Özlem Dalkıran und Nalan Erkem von der Menschenrechtsorganisation Helsinki-Gruppe sowie İdil Eser, die Direktorin der türkischen Sektion von Amnesty International. Manche der Wartenden lachten, manche weinten bei der Ankunft der Menschenrechtlerinnen. Es macht einen fertig, inmitten dieses Albtraums vor der Haftanstalt von Silivri die Freilassung dieser Menschen zu feiern.

Der Bus, der sie in die Freiheit fuhr, passierte auf dem Heimweg noch einmal den Justizpalast von Istanbul. Steudtner und Gharavi blickten ungläubig auf das Gerichtsgebäude, das sie am selben Morgen noch mit Handschellen betreten hatten. Der Albtraum ist vorbei. Aber ist er es wirklich?

Geburtstag im Gefängnis

„Alles Gute zum Geburtstag, Murat Sabuncu“, schrie Menschenrechtsaktivistin Dalkıran, als sie aus dem Wagen der Haftanstalt stieg. Murat Sabuncu, Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, feierte seinen Geburtstag an diesem Tag im Gefängnis von Silivri, in dem er seit 361 Tagen sitzt. Als dann alle nach Hause gingen, hatte der zivilgesellschaftlich engagierte Geschäftsmann Osman Kavala, der seit einer Woche in Polizeigewahrsam ist, wahrscheinlich keinen Schimmer, was da draußen gerade passierte.

Nein, dieser Albtraum ist noch nicht vorbei. Er wird nicht enden, bevor die unschuldig inhaftierten Menschen in der Türkei wieder frei sind.

BANU GÜVEN, 2017-10-26
ZURÜCK
MEHR VOM AUTOR
Unterstützen Sie taz.gazete und unabhängigen Journalismus im Netz! Sie können für dieses Projekt spenden.