„Niemand glaubt einer Inszenierung unter Regierungskontrolle.“, so Ceren Sözeri

„Ein strategischer Fehler“

„Doğan Medya“ ist der größte türkische Medienkonzern. Der Verkauf an die regierungsnahe Demirören-Holding bedeutet das Ende der klassischen Mainstreammedien.

TUNCA ÖĞRETEN, 2018-04-05

Es war ein offenes Geheimnis, dass der Inhaber der Doğan Mediengruppe, Aydın Doğan, bereits seit einiger Zeit von der türkischen Regierung unter Druck gesetzt wurde und wirtschaftlichen Drohszenarien ausgesetzt war. Vor zwei Wochen wurde die Mediengruppe an die Demirören-Holding verkauft, die Staatspräsident Erdoğan nahesteht. Medienunternehmen der Doğan-Mediengruppe waren Vertreter des Mainstream und haben große Teile der türkischen Bevölkerung erreicht.

Welche Auswirkungen der Verkauf auf die öffentliche Meinungsbildung hat und was das für die Informationsfreiheit bedeutet, haben wir die Kommunikationswissenschaftlerin Ceren Sözeri von der Istanbuler Galatasaray Universität gefragt.

taz.gazete: Zur Doğan Mediengruppe gehören auflagenstarke Zeitungen wie die Hürriyet und Dutzende Fernsehsender, darunter CNN Türk. Welche Auswirkungen wird der Verkauf an die regierungsnahe Demirören Holding haben?

Ceren Sözeri: Nach dem Verkauf wird es in der Medienlandschaft schrecklich aussehen. Die Printmedien und Fernsehsender der Gruppe waren zentral positioniert. Sie standen für den Mainstream. Sicher haben sie auch jetzt schon eine regierungsnahe Linie gefahren und alles gemacht, was die Machthaber ihnen gesagt haben. Aber trotzdem konnten die Hürriyet, die Posta und der Sender CNN Türk mit den Nachrichten, die sie mehr schlecht als recht produzieren konnten, ein breit gefächertes Publikum erreichen. Ich würde sagen, das ist das Ende der Mainstreammedien in der Türkei.

Aber wird der neue Chef als Allererstes die Redaktionspolitik ändern?

Demirören hat bereits 2011 die Zeitungen Milliyet und Vatan aus dem Portfolio von Doğan Medya akquiriert. Und seit jenem Tag verfolgen die Blätter eine Publikationspolitik, die zeigt, dass sie bei ihrer journalistischen Arbeit keinen großen Enthusiasmus an den Tag legen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Affäre mit den geleakten Gesprächen zwischen Abdullah Öcalan und Regierungsvertretern 2014. Nachdem die Milliyet diese gedruckt hatte, tauchte im Internet der Mitschnitt eines Telefonats auf, in dem sich Holdingchef Erdoğan Demirören unter Tränen bei Recep Tayyip Erdoğan, damals noch Ministerpräsident, dafür entschuldigt, ihn mit dem Abdruck der Nachricht verärgert zu haben.

Muss man in der Türkei regierungsnah sein, um ein Player in der Medienlandschaft zu sein?

Der Verkauf der Doğan Mediengruppe ist ein Wendepunkt. Wer künftig in der Medienökonomie ein Player sein will, wird sich zunächst die Erlaubnis der Regierung einholen müssen.

Werden die Leute jetzt keine Hürriyet mehr lesen?

Sie werden eine Zeit lang weiterhin Hürriyet lesen und CNN schauen. Man darf nicht erwarten, dass jetzt alle die oppositionellen Zeitungen Cumhuriyet, Evrensel und Birgün lesen werden. Aber langfristig wird es ein Abwandern zu den Onlinemedien geben.

Aber Onlinemedien sind doch noch leichter zu beeinflussen und zu zensieren.

Eigentlich nicht. Es werden zwar oft Seiten gesperrt, aber dann gehen sie einfach mit einem simplen Zusatz im Namen wieder online: Das gewerkschaftliche Nachrichtenportal Sendika.org wurde genau 62 Mal gesperrt. Derzeit sind sie online unter dem Domainnamen sendika62.org. Viele Menschen nutzen VPN-Verbindungen, um die Verbote zu umgehen. Das Internet ist kein Ort, an dem Verbote funktionieren.

Und was ist mit dem Journalismus? Muss man heute Aktivistin sei, um unabhängige Nachrichten produzieren zu können?

Seit den Gezi-Protesten sind Journalistinnen zu Aktivistinnen geworden. In der Türkei sind hier die Grenzen sehr durchlässig. Schauen wir uns zum Beispiel an, was für Artikel eine Angestellte der Doğan Mediengruppe redaktionell veröffentlicht und was sie auf ihrem persönlichen Twitter-Account schreibt. Das sind jeweils völlig unterschiedliche Personen. In den sozialen Medien begegnet sie uns als Aktivistin.

Aber kann ein Journalist sein Leben als Aktivist finanzieren?

Ich glaube nicht, dass viele Journalistinnen den Mut dazu haben. Sie sind darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und das Internet ist in der Türkei kein Bereich, der sich gut monetarisieren lässt. Deshalb wäre es nicht richtig, von Journalistinnen Heldentaten zu erwarten und ihnen zuzumuten, dass sie ab jetzt auf der Straße Simit verkaufen. Aber es werden sich neue Finanzierungsmodelle entwickeln.

Ist es nicht eher riskant, oppositionelle Medien finanziell zu unterstützen, während ganze Zeitungen und Journalistinnen als Terroristen gebrandmarkt werden?

Klar, aber man kann die Menschen auch nicht auf ewig mit dem Prügelstock in Schach halten. Es gibt eine bestimmte Angstschwelle, die irgendwann überschritten wird. Die Zeitungen stehen natürlich vor großen Herausforderungen. Wenn man sich die Schlagzeilen derer anschaut, die von sich sagen, dass sie unabhängigen Journalismus betreiben, dann sieht man schnell, dass sie so arbeiten, als wären sie eine Oppositionspartei. Dieser sprachliche Gestus muss sich ändern. Denn die heutige Situation ist gleichzeitig auch eine große Chance für den unabhängigen Journalismus, sich neu aufzustellen und mehr Leserinnen zu gewinnen durch eine liberalere Haltung. Dann wird es auch weniger risikoreich für Leserinnen, diese Erzeugnisse materiell zu unterstützen.

Unabhängige Nachrichtenportale haben kaum Werbeeinnahmen sondern müssen sich über Projektgelder aus Europa finanzieren. Wie nachhaltig ist das?

Ich finde, es geht hier eher ums Gewissen. Denn die Europäische Union hat nicht viele Möglichkeiten, gegen die Menschenrechtsverletzungen und den Abbau der Pressefreiheit in der Türkei vorzugehen und vergibt deshalb diese Gelder. Sie sagt sich: Mehr kann ich nicht machen, aber wenigstens gibt es Fonds für unabhängigen Journalismus. Selbstverständlich ist das nicht nachhaltig, aber eine andere Handlungsmöglichkeit gibt es derzeit wirklich nicht. Eigentlich gibt es auch in der Türkei ein Kapital, das Projektfonds für Online-Journalismus aufsetzen oder zumindest Anzeigen schalten kann. Aber sie haben Angst. Das System wird so weitergehen, bis die Leser spüren, dass sie Geld in die Hand nehmen müssen, um an Nachrichten zu kommen.

Viele Kommentatoren stellen eine Verbindung her zwischen dem Verkauf der Doğan Mediengruppe und Erdoğans angeblichem Plan, vorgezogene Wahlen abzuhalten. Was halten Sie davon?

Ich glaube nicht, dass Erdoğan sich dafür interessiert, den Wahltermin vorzuverlegen, solange er keine eindeutigen Umfrageergebnisse vorliegen hat.

Aber glaubt er vielleicht, dass die Akquise der Doğan Mediengruppe durch einen seiner Unterstützer ihm im Wahlkampf zugute kommen wird?

Erdoğan ist hochmotiviert, die alten Symbole zu zerschlagen und neue zu schaffen. Insbesondere die Hürriyet war für Erdoğan wie eine Festung, die er unbedingt erobern musste. Es kann sein, dass er eine Siegesnachricht verkünden wollte, damit das Gefühl entsteht: Schaut, den haben wir auch in die Knie gezwungen. Vermutlich denkt er auch, dass dieser Sieg ihm im Wahlkampf zugute kommen wird. Aber der Besitzerwechsel bei der Doğan Mediengruppe könnte sich auch genau umgekehrt auswirken.

Wie denn?

Vor dem Referendum vom 16. April 2017 haben wir gesehen, dass sich die Gesellschaft in zwei gleich große Lager gespalten hat. Wenn sich jetzt die Redaktionspolitik von CNN Türk oder Hürriyet drastisch ändert, dann heißt das, es gibt keinen Mainstream mehr, der so tut, als erhebe er Einspruch gegen Erdoğans Politik. Dabei wäre es doch viel logischer gewesen, auf diesem Weg auch die Menschen zu erreichen, die ihn nicht unterstützen und zumindest das Spiel spielen zu lassen, dass es so aussieht, als stelle jemand kritische Fragen. Niemand glaubt einer Inszenierung, die unter Regierungskontrolle abläuft. Wenn Erdoğans Berater oder sonst jemand aus seinem Umfeld ihm diese Idee nahegelegt haben, war das ein strategischer Fehler.

Neben den Zeitungen und TV-Sendern wurde auch die Nachrichtenagentur Doğan (DHA) und einer von zwei Vertriebsservices verkauft, die letztlich sämtliche Druckerzeugnisse in der Türkei ausliefern. Was bedeutet es, wenn auch Agenturen und Vertriebsservices unter die Fuchtel der Regierung geraten?

Diese beiden Verkäufe sind wahrscheinlich entscheidender als alle anderen. Auch unabhängige Zeitungen und Nachrichtenportale haben Inhalte der DHA benutzt. Die neue Situation bedeutet, dass weniger oder vielleicht gar keine Meldungen über Kernkraftwerke, Korruption oder sexuellen Missbrauch mehr erscheinen werden. Menschen, die nicht in großen Städten leben, werden weniger Thema in den Nachrichten sein mit ihren Problemen.

Während wir den Verkauf diskutieren, wurde eine der wichtigsten Zeitungen der kurdischen Medien, die Özgürlükçü Demokrasi, unter Zwangsverwaltung gestellt. Dutzende Angestellte wurden festgenommen. Was bedeutet das?

Die Zeitungen der Kurdinnen waren bereits in den 90er Jahren Ziel von Sprengstoffanschlägen des „tiefen Staates“, viele ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden ermordet. Heute werden sie zumindest nur ausgeplündert. Vor allen Dingen gab es weder von der Regierung noch von den regierungsnahen Medien irgendeine Stellungnahme zu dem Vorfall. Sie wollen vertuschen, dass ein Zwangsverwalter eingesetzt wurde. Man kann die Kurdinnen in der Türkei nicht einfach auslöschen. Ebenso wenig wird man ihre Medien verbieten können. Schließen sie eine Zeitung, wird eine andere erscheinen. So ist es bisher immer gewesen.

Aus dem Türkischen von Oliver Kontny

TUNCA ÖĞRETEN, 2018-04-05
ZURÜCK
MEHR VOM AUTOR
Unterstützen Sie taz.gazete und unabhängigen Journalismus im Netz!