Würden Sie diesen Tee trinken?

Atomkraft? Ja, bitte!

In der Türkei wird die Werbetrommel für ein neues Kernkraftwerk gerührt. Dabei hatte Tschernobyl dort fatale Folgen. Unser Autor erinnert sich.

BARIŞ UYGUR, 2018-04-26

Als im April der Grundstein für das erste Atomkraftwerk der Türkei gelegt wurde, lief im Fernsehen dauernd Werbung für Kernkraft. Wenn man sich die Werbespots für das AKW Akkuyu ansieht, bekommt man richtig Lust auf Nuklearenergie. Natürlich haben wir nicht zum ersten Mal was von Atomkraft gehört. Unsere Generation machte vor genau 32 Jahren bei der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 schon im Kindesalter Bekanntschaft mit Atomkraftwerken.

Wegen Tschernobyl redeten die Erwachsenen damals ständig von Kernkraftwerken und radioaktiven Wolken. Auch wenn wir noch sehr jung waren, begriffen wir, dass etwas Entscheidendes mit radikalen Auswirkungen auf unser Leben geschehen sein musste, als das Land in eine „Teekrise“ geriet und auf einem „Haselnussberg“ sitzenblieb.

In dem Gedicht „Das wüste Land“ schrieb T.S. Eliot: „April ist der übelste Monat von allen.“ Im April 1986 bewahrheitete sich sein Satz. Auf einen Schlag war eine der Lebensadern der Türkei abgeschnitten. Die erste Auswirkung von Tschernobyl auf die Türkei war die „radioaktive Teekrise“. Unzählige Familien verboten ihren Kindern, Tee zu trinken. Für die Erwachsenen, die jeder für sich soviel Tee konsumieren wie eine europäische Kleinstadt, war die Sache schwieriger. Zunächst versuchten die Leute, Tee aus der Zeit vor der Tschernobyl-Katastrophe zu bekommen.

Später nahm man auch Tee mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Natürlich nutzten Betrüger die Notlage aus und datierten frisch produzierten Tee zurück, als wäre dessen Haltbarkeit bereits abgelaufen. Wahrscheinlich wurden damals zum ersten Mal in der Geschichte des Lebensmittelbetrugs frische Produkte als abgelaufene verkauft, statt wie sonst üblich abgelaufene als frische.

Radioaktiver Tee schmeckt besser

Tschernobyl wurde so stark mit Tee identifiziert, dass der damalige Industrie- und Handelsminister Cahit Aral vor laufenden Kameras Tee trank, um zu beweisen, dass Tee keineswegs radioaktiv sei. „Wer behauptet, es gebe Radioaktivität in der Türkei, ist gottlos“, sagte er. Der damalige Premierminister Turgut Özal ging sogar noch weiter und behauptete: „Radioaktiver Tee schmeckt besser.“

Auch die Haselnuss bekam in der Radioaktivitätsdebatte ihr Fett weg. Deutschland, das schon damals anfing, uns zu beneiden (in der Türkei weit verbreitete und von der Regierung propagierte These, Deutschland beneide die Türkei für ihre Großprojekte, Anm.d.Red.) , schickte Haselnüsse zurück, weil der Radioaktivitätsgehalt angeblich die Grenzwerte überstieg. Ihr Neid machte nicht einmal vor dem Tee Halt.

Eines Tages gingen die Klassenzimmertüren meiner Generation, der zwischen 1977 und 1983 Geborenen, auf und hereingeschafft wurden paketweise Haselnüsse. Millionen Tüten Haselnüsse mit dem Logo Fiskobirlik wurden gratis an Grundschüler*innen verteilt. Wir aßen die Haselnüsse, die Deutschland und Amerika wegen des Verdachts auf Radioaktivität zurückgewiesen hatten. Oder der Staat hatte den Bauern ihr Produkt abgenommen, weil sie die Haselnüsse nirgends mehr los wurden. Als auch die Regierung diese nicht vermarkten konnte, beschloss sie, sie an kleine Kinder zu verteilen.

Heute bin ich froh darüber, dass wenigstens beim Tabak nicht allzuviel Radioaktivität gemessen wurde oder, genauer gesagt, dass sich niemand um Radioaktivität im Tabak scherte und der Export nicht einbrach. Sonst hätten sie womöglich auch noch schachtelweise Zigaretten an uns verteilt.

Neun Krebsfälle in zwei Familien

Tschernobyl war zwar bald vergessen, uns aber hat Tschernobyl nicht vergessen. Am Schwarzen Meer, besonders in bestimmten Provinzen gibt es keine Familie ohne Krebsfall. Die Behörden leugnen zwar, dass bei der Anzahl der Krebserkrankungen ein erheblicher Unterschied zwischen den Regionen zu erkennen ist, haben uns aber bislang auch keine aussagefähige Statistik dazu vorgelegt. Die Krebsdiagnose wird Patient*innen vom Schwarzen Meer ja auch meist in Kliniken in Ankara oder Istanbul gestellt.

Schlauer werde ich auch aus der Studie „Krebs in der Türkei nach dem Nuklearunfall von Tschernobyl“ des türkischen Ärzteverbands nicht. Dort steht ausdrücklich, dass die notwendigen Informationen fehlen, um eine vernünftige Statistik zu dem Thema zu erstellen. Aber allein der Musiker Volkan Konak, der vom Schwarzen Meer stammt, hat innerhalb weniger Jahre gleich sechs Angehörige durch Krebs verloren. Sein Klagelied über eine Istanbuler Klinik, in der viele Krebspatient*innen starben, kennt in der Türkei jede*r.

Kazım Koyuncu, ein weiterer Musiker vom Schwarzen Meer, starb in jungen Jahren selbst an Krebs. Bedenken wir, dass auch Koyuncus Vater und Bruder an Krebs erkrankt sind, sehen wir allein in diesen zwei Familien neun Krebsfälle. Wie ergeht es wohl all denen, die wir nicht kennen, weil sie nicht berühmt sind?

Die Türkei, in der allein 2017 mehr als 2.000 Menschen aufgrund von Fahrlässigkeit und Profitgier an ihrem Arbeitsplatz ums Leben kamen, will nun ein AKW bauen. Sind wir wirklich in der Lage zu sagen: „Uns passiert schon nichts“?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

BARIŞ UYGUR, 2018-04-26
ZURÜCK
MEHR VOM AUTOR
Unterstützen Sie taz.gazete! Sie können für dieses Projekt spenden.