Am 6. April nimmt der neue Flughafen in Istanbul seinen Regelbetrieb auf.
Mit Grafiken, Videos, Reportagen und Interviews beleuchtet taz gazete die Folgen des Megaprojekts für Menschen, Umwelt und Wirtschaft.

Lesen Sie mehr unter
taz.atavist.com/istanbul-flughafen

Reyhan Hacıoğlu

Schreiben gegen Ungerechtigkeit

Reyhan Hacıoğlu schrieb für die Zeitung „Özgürlükçü Demokrasi“ über Themen, die unter den Teppich gekehrt werden. Seit März sitzt sie deswegen in Haft.

GÜLTEN SARI, 2018-05-03

Die kurdische Journalistin Reyhan Hacıoğlu wurde bei einer Razzia gegen die Zeitung Özgürlükçü Demokrasi (Freiheitliche Demokratie) Ende März 2018 verhaftet. Hacıoğlu wird in der Türkei vorgeworfen, sie sei Mitglied einer terroristischen Vereinigung. Die 31-Jährige sitzt in der Frauenhaftanstalt Bakırköy in Haft.

Die Zeitung, für die sie schrieb, kennen in Deutschland nur wenige. Die Özgürlükçü Demokrasi ist eine jener Zeitungen in der kurdischen Presselandschaft, die schon länger unter Druck stehen als Erdoğan und AKP an der Macht sind. Wegen wiederholter Publikationsverbote wechselte sie mehrfach ihren Namen. Seit den Neunzigern gab es gegen die Zeitung, die damals noch Özgür Gündem (Freie Agenda) hieß, unzählige An- und Übergriffe. Für sie tätige Journalist*innen wurden bestraft. Zuletzt wurde sie von der Regierung zum Schweigen gebracht.

Geboren wurde Reyhan Hacıoğlu in einem Dorf in der Provinz Kars im Nordosten der Türkei. Sie wuchs als drittes von fünf Kindern auf. Schon ab der Mittelstufe zeigte sich, dass Reyhan gut schreiben konnte, ihre Geschichten wurden mit diversen Preisen ausgezeichnet.

Reyhan Hacıoğlu studierte Politikwissenschaft und Verwaltung. Ihre Schwester Rabia sagt, Reyhan habe es als erste Frau der Familie an die Uni geschafft. Für Reyhan Hacıoğlu wurde der Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Repression zum Lebensthema. Ihr Text über Taybet Inan, die bei Ausgangssperren im Südosten 2016 getötet wurde und sieben Tage lang nicht bestattet werden konnte, avancierte zur Vorlage für einen Kurzfilm.

Ihr Kollege Inan Kızılkaya, der die Zeitung zeitweise als Chefredakteur leitete und selbst 441 Tage in Untersuchungshaft saß, betont den überragenden Schreibstil von Reyhan Hacıoğlu. „Für die kurdische Presse zu arbeiten ist eine politische Haltung. Mit diesem Bewusstsein übernahm Reyhan eine aktive Rolle in der Debatte über Frauen und Sexismus.“

Ihre Schwester Rabia erklärt, Reyhan Hacıoğlu werde keinesfalls aufgeben, wenn sie aus der Haft entlassen wird. Auch 2016, als ihre Kolleg*innen festgenommen wurden, sei sie gleich am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen. Reyhan wähle bewusst Themen, die sonst unter den Teppich gekehrt werden, um darüber zu schreiben. Ihr Hauptthema aber verliere sie nie aus den Augen: Frauen!

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

GÜLTEN SARI, 2018-05-03
ZURÜCK
MEHR VOM AUTOR
Unterstützen Sie taz.gazete! Sie können für dieses Projekt spenden.