Am 6. April nimmt der neue Flughafen in Istanbul seinen Regelbetrieb auf.
Mit Grafiken, Videos, Reportagen und Interviews beleuchtet taz gazete die Folgen des Megaprojekts für Menschen, Umwelt und Wirtschaft.

Lesen Sie mehr unter
taz.atavist.com/istanbul-flughafen

Nach der Krise erlebt die Tourismusbranche einen Aufschwung: Badestrand in Kemer nahe Antalya

Der Ansturm der Massen beginnt

Nach einer Phase der Flaute erlebt der türkische Tourismus einen neuen Boom. Während die Wirtschaft davon profitieren dürfte, leidet die Natur.

JÜRGEN GOTTSCHLICH, 2019-06-04

„Wir sind fertig. In den nächsten Tagen geht’s los“. In Marmaris zeigt Mustafa stolz sein Schiff, an dem er und seine gesamte Familie den ganzen Winter über gearbeitet haben. Es ist ein so genanntes „Gulet“, einer der großen Holzsegler, mit denen man an der Küste der Ägäis eine „Blaue Reise“ machen kann.

„Blaue Reise“, das bedeutet komfortabel von Bucht zu Bucht zu gleiten, in fast durchsichtig scheinendem Meerwasser zu schwimmen, in Fjorden, die zu recht oft „Aquarium“ heißen, weil man mit den Fischen um die Wette schwimmt. Es ist ein Traum, der aber schon bald ausgeträumt sein könnte.

Die Blaue Reise droht an der Masse der Reisenden zu scheitern. Mustafa zeigt auf die anderen Gulets, die in der großen Bucht von Bozburun Bord an Bord liegen. Rund 150 Schiffe haben allein hier ihren Heimathafen. Die Möwe, Mustafas Schiff, kann 14 Passagiere mitnehmen. Für fünf Wochen im Sommer ist sein Schiff bislang gebucht, er hofft dringend, dass es mehr wird denn für die Überholung des Schiffes musste er einen Kredit von rund 50.000 Euro aufnehmen.

Alle Schiffe gehören Familien aus Bozburun, die oft selbst Bootsbauer sind. Insofern ist die Fahrt mit dem Gulet von hier aus noch ziemlich authentisch, doch es sind eigentlich schon viel zu viele Gulets. Schaut man dann noch nach Bodrum, Marmaris und Fethiye, den anderen großen Stützpunkten für „Blaue Reisen“, kann man sich leicht ausmalen, welches Gedränge mittlerweile in den einstmals unberührten Buchten der türkischen Ägäisküste im Sommer herrscht. Das ist auch für die Wasserqualität nicht gut, sagt Mustafa, besonders in dem großen Fjord von Fethiye habe die Verschmutzung bereits bedrohliche Ausmaße angenommen.

Rekord am Flughafen von Antalya

Dabei gehört der Besuch der Türkei auf einer hölzernen Yacht an der zerklüfteten Küste im Südwesten des Landes noch zu den Nischenprodukten der Tourismusindustrie. Richtig Masse gemacht wird ganz wo anders. 356 Starts – und Landungen meldete der Antalya Airport allein für den 25. Mai dieses Jahres. Ein Rekord. 76.568 ausländische Touristen an einem einzigen Tag bereits im Mai ist nach offiziellen Angaben ein historisches Novum.

Im gesamten Monat Mai kamen insgesamt 1,7 Millionen ausländischer Touristen allein über Antalya an die türkische Riviera. Für die gesamte Türkei erwartet der Tourismusverband in diesem Jahr 35 – 40 Millionen Besucher und knüpft damit an die Rekordzahlen von 2015 an, die Zeit, bevor Syrienkrieg, Terroranschläge, Putschversuch und Ausnahmezustand die Türkei vorübergehend fast komplett aus dem Programm der großen Anbieter hinauskatapultierte.

Das ist jetzt alles vergessen. Dass die Repression in der Türkei nach wie vor anhält und selbst Touristen für einen vorlauten Tweet schnell hinter Gitter landen können, stört die Massen nicht mehr. Was zählt, sind die wunderbaren Strände, die luxuriösen Hotels und vor allem die tollen Preise, für die man das alles haben kann. Die Schwäche der türkischen Lira, für die Wirtschaft des Landes ein existentielles Problem, ist für den Besucher aus dem Euroraum ein Glücksfall. Ferien in der Türkei sind 2019 zum Schnäppchenpreis zu haben.

An diesem Wochenende Ende Mai waren die Hotels an der Ägäis und am Mittelmeer zum ersten Mal in diesem Jahr nahezu komplett ausgebucht. Allerdings überwiegend mit Besuchern aus dem Inland. Um auch den inländischen Tourismus anzukurbeln, hat die Regierung die am Dienstag beginnenden Bayram-Feiertage im Anschluss an den Fastenmonat Ramadan auf neun Ferientage ausgedehnt. Wer es sich trotz Krise noch leisten kann, nahm das Angebot dankend an. Fünf Millionen Besucher strömten an die Küsten, für die türkischen Hoteliers so etwas wie die Generalprobe für den Sommer.

Die Wasserqualität leidet

Viele Hotels haben die flauen Saisons der letzten Jahre für eine Generalüberholung genutzt und erstrahlen jetzt in neuem Glanz. Verglichen mit Griechenland und Spanien sind die Hotels in der Türkei oft besser in Schuss. Das gilt aber nicht unbedingt für die Wasserqualität. Gerade in den tiefen Buchten und Fjorden der Ägäis hat sich im Laufe der letzten Jahre viel Dreck angesammelt, auch wenn die Zeit, in der Schmutzwasser noch ungefiltert ins Meer geleitet wurde, nahezu überall vorbei ist.

„Blaue Flaggen“, das Signal für saubere Strände und sauberes Wasser, findet man deshalb vor allem an den ausgedehnten Mittelmeerstränden um Antalya und Alanya. Das begehrte Gütesiegel für die Strände und Wasserqualität wird von der unabhängigen internationalen Umweltorganisation „Foundation for Enviromental Education“ mit Sitz in Kopenhagen vergeben.

Im letzten Jahr hat es die Türkei im europäischen Ranking der Organisation für die Anzahl der sauberen Strände nach Spanien und Griechenland mit 495 Blauen Flaggen auf den dritten Platz geschafft. Rund 350 davon sind an der Mittelmeerküste. An der Ägäisküste findet sich das sauberste Wasser immer an den Spitzen von Halbinseln und Kaps die weit ins Meer hinausragen. In den tiefen Fjorden, da wo der Wasseraustausch am geringsten ist, sammelt sich dagegen der Schmutz.

Für Mustafa und die anderen Kapitäne der „Blauen Reise“ ist das ein großes Problem. „Unsere Buchten sind überfüllt und oft auch schmutziger geworden. Manche Ankerplätze, die wir früher immer besucht haben, können wir gar nicht mehr anfahren“. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist es, von der Küste weg die nahen griechischen Inseln anzusteuern, wo die Wasserqualität besser ist. „Das macht die Reise aber wesentlich teurer“, sagt Mustafa. „Die Griechen kassieren erhebliche Gebühren, die Fahrten werden länger und für viele türkische Gäste kommen hohe Kosten für ein Visum dazu.“

Konfrontation mit dem Elend der Welt

Es gibt dabei auch noch ein anderes Problem über das Mustafa nicht so gerne spricht: die Flüchtlinge. Immer noch versuchen in den Sommermonaten Tausende syrische, irakische und afghanische Flüchtlinge von der Türkei aus die küstennahen griechischen Inseln zu erreichen. „Wer will schon seine Ferien ausgerechnet an einem Strand oder in einer Meeresbucht verbringen, wo er mit dem ganzen Elend der Welt konfrontiert werden kann?“

JÜRGEN GOTTSCHLICH, 2019-06-04
ZURÜCK
MEHR VOM AUTOR
Unterstützen Sie taz.gazete! Sie können für dieses Projekt spenden.