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Yasin Şafak blieb Gedenkveranstaltungen mit politischen Botschaften fern

Gedenken als Propaganda

Der Putschversuch vom 15. Juli 2016 ist in der Türkei zum festen Bestandteil der Erinnerungskultur geworden. Doch das Land hat sich verändert.

BEYZA KURAL, 2019-07-15

„Nächste Haltestelle: Brücke der Märtyrer des 15. Juli. Fahrgäste, die das Mahnmal für die Märtyrer des 15. Juli besuchen wollen, bitte hier aussteigen.“

Der Metrobus hält am Fuß der Bosporusbrücke auf der anatolischen Seite von Istanbul. In dieser Durchsage im Bus manifestiert sich, wie die Erinnerung an den Putschversuch am 15. Juli 2016 im Alltag verankert ist. Die Bosporusbrücke, die 1970 eröffnet wurde und den europäischen und den asiatischen Teil Istanbuls miteinander verbindet, wurde kurz nach dem Putschversuch in „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“ umbenannt.

Auf beiden Seiten der Brücke wurden Mahnmale zur Erinnerung an die Putschnacht errichtet. Die Gedenkstätte auf der anatolischen Seite der Brücke ist kuppelförmig gebaut und trägt eine Tafel mit der Inschrift der Namen von 249 Menschen, die in der Putschnacht vor drei Jahren ums Leben gekommen sind. Der Innenraum der Gedenkstätte wird 24 Stunden durchgehend mit Versen aus dem Koran beschallt. Um die Gedenkstätte herum wurden Zypressen gepflanzt, denen die Namen der Getöteten gegeben wurden.

Nebenan laufen die letzten Bauarbeiten am „Gedächtnismuseum“, das pünktlich zum dritten Jahrestag von Staatspräsident Erdoğan eröffnet werden soll.

Drei Jahre nach dem Putschversuch

Drei Jahre nach dem Putschversuch sind in der Türkei die Erinnerungen an die blutigen Ereignisse am 15. Juli 2016 nach wie vor präsent. Teile des Militärs hatten den Putsch gegen die türkische Regierung geplant, sie bombardierten das Parlament in Ankara und sperrten die Bosporusbrücke. Weil sich jedoch weite Teile der Armee nicht am Umsturz beteiligten und Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan die Bevölkerung aufrief, auf die Straßen zu gehen und Widerstand zu leisten, konnte der Aufstand niedergeschlagen werden.

Vor der Gedenkstätte an der Bosporusbrücke steht Yasin Şafak zwischen Familien, die das Mahnmal mit ihren Kindern besuchen. Der 40-jährige Beamte war einer derjenigen, die in der Putschnacht auf die Straße gegangen sind. Er erinnert sich an den Anblick im Morgengrauen: „Als ich die Brücke überquerte, habe ich überall die Blutlachen auf dem Boden gesehen. Ich habe Panzer gesehen und Fahrzeuge, die beschossen wurden. In dem Moment wurde mir klar, dass diese Nacht das Leben vieler Menschen verändern würde.“

Die Putschnacht markiert einen tiefen Einschnitt in der jüngsten Geschichte der Türkei, dessen Auswirkungen bis heute zu spüren sind. Im Ausnahmezustand, der wenige Tage nach dem Putschversuch verhängt wurde und bis Juli 2018 andauerte, wurden mehr als hunderttausend Staatsbedienstete per Dekret suspendiert, zehntausende Menschen, oppositionelle Politiker*innen und Journalist*innen wurden verhaftet, mehr als 100 Medien und Verlage geschlossen. Mit dem Referendum im April 2017 wurde der Weg zum Präsidialsystem geebnet, das es Erdoğan heute ermöglicht, das Land als Ein-Mann-Regime zu regieren.

Während noch viele Fragen zum Geschehen in der Putschnacht unbeantwortet waren, begann die türkische Regierung schon mit der Geschichtsschreibung. Der 15. Juli wurde als „Tag der Demokratie und der nationalen Einheit“ offiziell zum Feiertag erklärt. Nicht nur die Brücke, allein in Istanbul wurden mehr als 50 Plätze, Parks und Bushaltestellen zur Erinnerung an den Putschversuch umbenannt.

Die Menschen stehen nicht im Vordergrund

Seit drei Jahren feiert die Türkei das blutige Ereignis als „Sieg der Demokratie“. Ein offizielles Logo zum 15. Juli wurde zur Marke, jedes Jahr wird von offizieller Stelle ein neues veröffentlicht. Wer den „Tag der Demokratie und der nationalen Einheit“ feiern möchte, findet auf der Internetseite der neu gegründeten Kommunikationsbehörde des Staatspräsidiums die aktuellsten Logos, Videos und Plakate zum Herunterladen, alles unter der Überschrift „Institutionelle Karte des 15. Juli“.

Foto: Cumhurbaşkanlığı İletişim Başkanlığı
Offizielle Montage der Kommunikationsbehörde des türkischen Staatspräsidiums

Obwohl Yasin Şafak in der Nacht des 15. Juli auf die Straße ging, um die Demokratie zu verteidigen, blieb er den anschließenden Feiern und den sogenannten „Demokratiewachen“ fern. Er habe sich nicht als Teil dieser Zeremonien empfunden, sagt er. In den offiziellen Erzählungen der Ereignisse stünden die Zivilisten unterschiedlichster Gesinnung, die sich gegen den Putschversuch gestellt hatten und in dieser Nacht ums Leben kamen, nicht im Vordergrund, sagt er.

Deshalb nahm Şafak zwar an der Trauerfeier und dem Gebet für die Menschen teil, die im Stadtbezirk Çengelköy getötet worden waren, besucht aber bis heute keine der Veranstaltungszeremonien mit politischem Botschaften.

In der Türkei, die etwa alle zehn Jahre einen Putschversuch erlebt, nehme dieser letzte einen besonderen Stellenwert ein, so Şafak: „In der Geschichte der Türkei wurden Putsche immer mit dem Schutz des Staates begründet. Dieses Mal war es anders. Denn dieses Mal bedeutete Widerstand gegen den Putsch, den Staat zu verteidigen.“

Geschichtsschreibung mit Tradition

Durch Mythenbildung Fakten zu schaffen hat Tradition in der türkischen Geschichte. Schon nach früheren Putschversuchen hatten Putschgeneräle Straßennamen geändert und offizielle Feiertage eingeführt. Für die Politikwissenschaftlerin Büşra Ersanlı, die ein Buch zur offiziellen Geschichtsschreibung in der Türkei veröffentlicht hat, ist das, was die Türkei in den vergangenen drei Jahren erlebt, nichts Neues.

Sie erinnert daran, dass auch nach dem Putsch 1960 der 27. Mai als „Tag der Freiheit und der Verfassung“ zum offiziellen Feiertag erklärt wurde. Im Jahr 1982, nach dem Militärputsch 1980, sei der Feiertag dann wieder abgeschafft worden. Deshalb, so glaubt sie, könne diese Art der Geschichtserzählung nicht dauerhaft aufrechterhalten werden. Die Regierungen wechselten, doch die Praxis der staatlichen Geschichtsschreibung blieb gleich. Schon seit jeher mussten Ersanlı zufolge auch Schulbücher als bevorzugtes Medium für eine Geschichtserzählung zu Propagandazwecken herhalten: „In diesen Büchern finden wir keine sachlichen Informationen, sondern eine propagandafokussierte Sicht der Ereignisse“, sagt sie.

Seit der Putschversuch von 2016 in den Lehrplan aufgenommen wurde und Schulbücher vom Bildungsministerium kostenlos verteilt werden, sind auf der Rückseite der Bücher das Logo des 15. Juli und Figuren abgebildet, die vor der Bosporusbrücke die türkische Flagge schwenken. Zehnjährige Schüler*innen lernen in der Grundschule vom „ruhmreichen Widerstand“, den das „heldenhafte türkische Volk“ gegen die Putschisten geleistet hat.

Das gesellschaftliche Trauma wird als Sieg der Demokratie abgehandelt. „Wir müssen begreifen, welche Bedeutung und welchen Wert dieser Tag hat, der uns zeigt, dass keine Kraft der Welt vor der nationalen Willenskraft bestehen kann“, steht etwa in dem Schulbuch, und: „Wir sind unseren Märtyrern und Kriegsveteranen, die ihr Leben dafür aufs Spiel setzten, zu Dank verpflichtet.“

Vieles hat sich geändert in drei Jahren

Seit dem Putschversuch würden Schüler*innen im Sozialkundebuch der 6. Klasse zudem gefragt, was sie unter Demokratie verstehen, erzählt die Politikwissenschaftlerin Ersanlı. „Worauf die Regierung keine Antwort hat, fordert sie hier eine von den Schülerinnen und Schülern.“ Was in den drei Jahren seit dem Putschversuch in der Türkei passiert ist, stehe in großem Widerspruch zu dem Unterrichtsstoff in den türkischen Schulbüchern. „Passt das zu den Prinzipien der Demokratie, die hier von den Schüler*innen abgefragt werden?“, fragt sie.

Die offizielle Kommunikationsstrategie reicht über den Bereich der Bildung hinaus. Am 13. Juli erhielten Bürger*innen eine SMS mit der Unterschrift des Bildungsministers Ziya Selçuk: „Wir sind denjenigen etwas schuldig, die sich vor die Panzer gestellt haben, den schönen Menschen, die nicht nach Hause gegangen sind, sondern als Märtyrer gestorben sind.“

Eine ähnliche Nachricht verschickte die Kommunikationsbehörde des Staatspräsidiums, die dazu aufruft, an der Gedenkveranstaltung des Staatspräsidenten am ehemaligen Atatürk-Flughafen teilzunehmen. Als Erdoğan vor drei Jahren in der Putschnacht an diesem Flughafen landete, wurde er mit großem Jubel empfangen.

Aber in den letzten drei Jahren hat sich vieles geändert in der Türkei. Nachdem der neue Flughafen Istanbul im Norden der Stadt eröffnet worden war, wurde der Atatürk-Flughafen Atatürk für Passagierflüge geschlossen. Auch Erdoğan und die AKP stehen heute, drei Jahre nach dem Putschversuch, nach zwei Jahren Ausnahmezustand, woanders als noch vor drei Jahren. Die türkische Wirtschaft befindet sich in der Krise. Erdoğan kassierte bei den Kommunalwahlen am 31. März und auch bei der Wiederholung der Bürgermeisterwahl in Istanbul eine herbe Niederlage.

Doch der niedergeschlagene Putschversuch, das wird bei der Gedenkveranstaltung am Atatürk-Flughafen erneut deutlich, wurde für Erdoğan zum Erbe seiner Herrschaft. „Der 15. Juli ist ein Symbol, das uns nicht nur diese dunkle Nacht, sondern an all die Ereignisse erinnern muss, die unser Land und unser Volk im Zusammenhang damit erlebt hat“, sagt er am Abend in seiner Rede vor der Menschenmenge, die mit Fahnen gekommen ist, um der Putschnacht zu gedenken. „Wir sind entschlossen, unsere Bemühungen bis zu unserem letzten Atemzug fortzuführen. Wir werden nicht aufhören, bis wir das Ziel unserer glücklichen Reise erreicht haben, die wir mit unserem Volk angetreten haben.“

Aus dem Türkischen von Judith Braselmann-Aslantaş

BEYZA KURAL, 2019-07-15
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