Das 2002 gegründete Satiremagazin ‚Penguen‘ muss schließen

Lachen im Ausnahmezustand

Satire ist in der Türkei eine beliebte Form, Politik indirekt zu kritisieren. Doch Karikaturist*innen kämpfen mit Repressionen und sinkenden Auflagen.

ELISABETH KIMMERLE, 2017-05-03

Die Titelseite der Satirezeitschrift Penguen blieb in der Woche nach dem Referendum in der Türkei weiß. Nur in der rechten Ecke stand eine Notiz: Von nun an sind auch Titelseiten ohne Karikatur gültig – eine Anspielung auf die 2,5 Millionen ungestempelten Wahlzettel, die beim Referendum von der Wahlbehörde für gültig erklärt wurden und dem Ja-Lager zur Mehrheit verhalfen.

Das Titelblatt wurde in den sozialen Medien tausendfach geteilt. Da wussten die Fans noch nicht, dass es eine der letzten Ausgaben des beliebten Magazins sein würde. Wenige Tage später verkündeten die Zeichner*innen von Penguen, dass sie das Magazin nach vier weiteren Ausgaben schließen werden. Damit verstummt eine weitere kritische Stimme in der türkischen Presselandschaft.

Penguen ist eines der bunten Satiremagazine, die in der Türkei an jedem Kiosk ausliegen und mit einer Auflage erscheinen, von der so manche Zeitung nur träumen kann. Einmal in der Woche werfen Karikaturzeitschriften wie Uykusuz, Leman und Penguen einen entwaffnenden Blick auf die Zustände in einem Land, in dem es gerade nicht viel zu lachen gibt. Wahlfälschung, Frauenmorde, Vetternwirtschaft – die Karikaturhefte offenbaren all das, was schief läuft im Land.

In Zeiten, in denen die kritische Berichterstattung oppositioneller Medien immer stärker eingeschränkt wird, bringen sie mit wenigen Strichen ihre beißende Kritik auf den Punkt. „Das, was oppositionelle Zeitungen in langen Artikeln kritisieren, erzählen wir in einem Strip. Deshalb mag uns die Regierung nicht“, erklärt der Karikaturist Serkan Altuniğne, der für Penguen zeichnet. Über 600.000 Menschen folgen Altuniğne auf Twitter. Er erklärt sich den Erfolg der Satire mit den Lesegewohnheiten in der Türkei: „Lange Artikel erreichen nur die Leute, die mit dem Journalisten einer Meinung sind. Aber eine Karikatur erreicht alle, die liest jeder.“

Mit trotzigen Slogans gegen die Wasserwerfer

Das hat Tradition in der Türkei; schon seit über 100 Jahren machen sich Karikaturist*innen über die Mächtigen lustig. Alles nahm seinen Anfang mit Abdülhamid II., dem letzten Sultan des Osmanischen Reichs: „Abdülhamid regierte despotisch und war stark paranoid. Weil er eine große Nase hatte, hat er das Wort ‚Nase‘ neben Begriffen wie ‚Freiheit‘ und ‚Brüderlichkeit‘ zensiert“, erzählt die Journalistin Sabine Küper-Büsch, die in Istanbul lebt und sich seit vielen Jahren mit türkischen Karikaturen beschäftigt. Als Reaktion auf die Zensur seien unzählige Karikaturen von Nasen in Umlauf geraten – die Nase wurde zum Symbol für despotische Herrscher. „Das war die Geburtsstunde der Karikatur in der Türkei“, sagt Küper-Büsch.

In politischen Umbruchzeiten schossen die Verkaufszahlen der Satiremagazine in die Höhe, als hätten es die Menschen gerade dann bitter nötig zu lachen. Das 1972 gegründete Magazin Gırgır etwa erreichte nach dem Militärputsch 1980 eine Auflage von einer halben Million und war damit weltweit eine der am weitesten verbreiteten Satirezeitschriften.

Mit dem Alltagsleben der Unter- und Mittelschichten, der vulgären Gossensprache und den volkstümlichen Helden in den Karikaturen konnte sich eine breite Masse der Leser*innen identifizieren. Die Karikaturist*innen hatten Sabine Küper-Büsch zufolge in der Gesellschaft einen Sonderstatus. „Die Satire hatte viel mehr als der Journalismus die Rolle, die Forderungen der Zivilgesellschaft voranzutreiben“, sagt sie. „In den siebziger und achtziger Jahren waren die Magazine deshalb so erfolgreich, weil man in nur einer Zeitschrift alle Bevölkerungsschichten vertreten fand – und weil sie unterhaltend und verständlich gesellschaftliche Tabus aufgreifen.“

Die Geziproteste im Frühsommer 2013 waren getragen vom originellen Humor einer jungen Generation, die mit Satiremagazinen aufgewachsen war. Wasserwerfern und Tränengas stellten sie sich mit trotzigen Slogans entgegen. „Gezi war voller Hoffnung. Die Leute haben den unglaublichen Groll, der sich in ihnen aufgestaut hat, auf die Wände gespuckt“, erinnert sich Serkan Altuniğne. „Im Sommer 2013 wurden die meisten Satiremagazine in den letzten zehn Jahren verkauft.“

Hoffnungslosigkeit erstickt das Lachen

Im heutigen Ausnahmezustand ist von der humorvollen Aufbruchsstimmung nicht mehr viel übrig. Serkan Altuniğne lacht viel, doch was die Rolle der Satire in der heutigen Türkei angeht, ist er pessimistisch. „Eigentlich lieben die Türken Humor. Aber über dem Land liegt eine solche Hoffnungslosigkeit, dass das Lachen erstickt wird“, sagt er.

Auch für die Karikaturist*innen wird unter dem repressiven Kurs der AKP-Regierung der Raum für Kritik immer enger. Seit 180 Tagen sitzt Musa Kart, der Karikaturist der oppositionellen Tageszeitung Cumhuriyet im Hochsicherheitsgefängnis Silivri. Als er am 31. Oktober 2016 abgeführt wurde, sagte er: „Im Moment fühle ich mich, als würde ich selbst in einer Karikatur leben. Was wir hier erleben, ist grotesk.“

Serkan Altuniğne erzählt, dass Selbstzensur schon vor dem Ausnahmezustand ein Problem gewesen sei. Doch seit dem Putschversuch seien sie noch vorsichtiger. „Wenn wir ein Cover planen, überlegen wir 58 Mal, ob uns etwas passieren kann, wenn wir das zeichnen, was wir kritisieren wollen.“ Die Regierung geht klug vor, analysiert Sabine Küper-Büsch: „Sie lässt den Karikaturisten ihren Raum, zwingt sie aber in den abgehobenen Bereich. Damit wird ihnen der oppositionelle Stachel gezogen: Statt Missstände verständlich zu zeigen, sind die Karikaturen abstrakt und erreichen dadurch nur noch die Menschen, die sowieso gegen Erdoğan sind.“

Anders als in politischen Umbruchsphasen der Vergangenheit sinken heute die Verkaufszahlen. Dem Pinguin mit den umgeschnallten Holzflügeln, dem Emblem des Satiremagazins Penguen, haben letztendlich die Finanzen das Genick gebrochen: Um unabhängig zu sein, haben die Zeichner*innen von Penguen auf Reklame verzichtet. Die Karikaturen werden nach wie vor viel gelesen – doch die Verbreitungswege der Satire ändern sich. In den sozialen Medien werden die Karikaturen zwar geteilt, aber die Hefte bleiben an den Kiosken liegen. Die Menschen, so scheint es, haben in diesem Land, in dem niemand weiß, was morgen kommt, genug damit zu tun, ihren Alltag aufrechtzuerhalten.

Karikaturist*innen finden immer einen Weg

Serkan Altuniğne war gerade mit seinen Kollegen auf der Buchmesse in Izmir – es war ein Abschied von den Leser*innen. Stundenlang hätten Menschen gewartet, um sich ihr Penguen-Magazin signieren zu lassen. „Unsere Leser*innen lieben unser Magazin sehr, aber sie verstehen uns auch: Auch sie sind gerade nicht in der Stimmung, Karikaturhefte zu kaufen“, sagt er.

Die Karikaturistin Ramize Erer hat dennoch Hoffnung. Sie bringt zusammen mit anderen Zeichnerinnen das feministische Satiremagazin Bayan Yanı heraus und hat mit „kötü kız“ (deutsch: „böses Mädchen“) einen aufmüpfigen, provozierenden weiblichen Charakter erfunden. Sie ist überzeugt: Satire ist immer noch die oppositionelle Stimme, die in den Mainstreammedien nicht vorkommt. „Wenn der politische Druck steigt, wenden sich die Menschen der Satire zu. Das spiegelt sich nicht in den Verkaufszahlen wider, aber über die sozialen Medien finden die Karikaturen eine weite Verbreitung.“

Erer, die kürzlich mit dem Preis für kreativen Mut des Comicfestivals in Angouleme ausgezeichnet wurde, will sich nicht den Mund verbieten lassen: „Karikaturist*innen finden immer einen Weg, das auszudrücken, was sie sagen wollen.“

ELISABETH KIMMERLE, 2017-05-03
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