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Opa und Oma des Regisseurs in Mönchengladbach.

Keine Baklava ohne „Gastarbeiter“

Çağdaş Yüksel dreht einen Dokumentarfilm über Deutschlands erste „Gastarbeiter“. Er soll, wenn das Crowdfunding erfolgreich ist, 2018 in die Kinos kommen.

YASMIN POLAT, 2017-07-12

Çağdaş Yüksel, 23-jähriger Filmemacher aus Mönchengladbach, finanzierte seinen ersten Kinofilm „Asyland“ (2015) über ein Crowdfunding. Nun arbeitet er an „Gleis 11“, einem Dokumentarfilm zur ersten türkeistämmigen Arbeitergeneration im Deutschland der sechziger Jahre. Der Film wird auf Deutsch und Türkisch gedreht und soll im Frühjahr 2018 in die Kinos kommen. 1966 kam Yüksels Großvater aus Adana nach Mönchengladbach. Seinen Großvater hat er nie kennengelernt. In „Gleis 11“ will er sich nun auf die Suchen nach der Geschichte seines Großvaters und der vieler anderer „Gastarbeiter“ begeben.

Für den Dokumentarfilm wird bis zum 30.07. noch per Crowdfunding gesammelt.

taz.gazete: Obwohl Deutschland von 1961 bis 1973 über zwei Millionen Menschen als sogenannte Gastarbeiter ins Land holte, gibt es heute verhältnismäßig wenig Kinofilme und Dokumentationen zu dem Thema. Man kennt die Komödie „Almanya“ von den Şamdereli-Schwestern, sonst wenig. Woran liegt das?

Gerade in der Kreativ-Branche dauert es einfach lange bis unsere Generation und die deutsch-türkische Kultur da ankommt. Es gibt proportional zur deutschen Mehrheit nicht so viele von uns. Klar, es gibt Fatih Akin. Man muss einfach den ersten Schritt machen, ohne ewig zu analysieren.

Und das machen Sie jetzt mit „Gleis 11“. Wie kamen Sie zu dem Thema?

Ich habe meinen Opa nie kennengelernt und sehr viele andere dieser Generation werden auch nicht mehr lange leben. Da wäre es schade, wenn die vielen Geschichten verloren gehen. Irgendjemand hatte immer irgendeine Geschichte und ich habe mir die gern angehört. Ich liebe die Nostalgie darin, dass alle schon anfangen zu lächeln, bevor die Geschichte losgeht. Ich hab meinen Opa nie kennengelernt und sehr viele andere dieser Generation werden auch nicht mehr lange leben. Da wäre es schade, wenn die vielen Geschichten mit den Menschen verloren gehen.

Ist eine Geschichte besonders hängen geblieben?

Es gibt eine Erzählung, in der den „Gastarbeitern“, die mit dem Zug ankamen, vom Auswärtigen Amt gesagt wurde, die Zug-Route führe genau am Eisernen Vorhang vorbei. Diese Menschen haben mehrere Stunden links und rechts aus dem Fenster geschaut, nach einem Vorhang gesucht und nichts gefunden. Das ist so süß. Die Recherche ist wie ein nostalgischer Kaffeeklatsch.

Gab es auch negative Erinnerungen aus der Zeit?

Klar es gibt viele Menschen, die sich noch sehr genau an Rassismus und Diskriminierung erinnern. Es gibt eine Umfrage aus dem Jahr 1965, in der haben 27 Prozent der Deutschen die „Gastarbeiter“ befürwortet – der Rest eben nicht. Das zeigt, dass es gesellschaftlich nicht sonderlich akzeptiert war und es erst einmal um den wirtschaftlichen Faktor ging.

Wie kam es zum Titel des Films?

Die ersten Züge aus Istanbul-Sirkeci kamen am Gleis 11 am Münchner Hauptbahnhof an. Das finde ich schön: Organisatorisch war alles perfekt durchgeplant und dann kamen sie auf dem Münchner Bahnhof an und keiner wusste, was nun mit diesen Menschen passiert.

Erkennen Sie Fehler im Umgang Deutschlands mit den „Gastarbeitern“ damals, die bis heute nachwirken?

Menschen wurden damals in Massenunterkünfte gesteckt. Genau diesen Fehler machen wir ja heute bei den Flüchtlingen auch: 500 Leute leben auf engstem Raum. Da muss man kein Soziologe sein, um zu erkennen, dass Integration so einfach nicht funktionieren wird. Für die Türkei war die Entsendung ein wirtschaftlicher Push-Faktor: es wurden viele Gelder aus Deutschland in die Türkei überwiesen. Der türkische Wohlstand kommt auch noch aus der „Gastarbeiter“-Zeit. Insofern denke ich: Alle Beteiligten wussten damals nicht so recht, was sie da machen und worauf es hinausläuft.

Das Gefühl der Fremde spielt in „Asyland“ und auch bei „Gleis 11“ eine große Rolle. Auch viele Jugendliche fühlen sich in der heutigen Gesellschaft, in der sie geboren wurden, fremd. Wo ist der Unterschied zum Fremd-Gefühl der 1. Generation?

Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang zwischen Rassismus und Diskriminierungserfahrungen hier und dem Wunsch zur Nähe zur Türkei. Ich denke, sehr viele Leute, die in Deutschland leben und geboren sind und noch nie in der Türkei gelebt haben, wissen eigentlich wenig über die Türkei. Aber sie fühlen sich umso stärker hingezogen, weil sie sich hier vielleicht ausgegrenzt fühlen. Das muss man schon ernst nehmen. Man darf solche Leute, wie AfD-Wähler, nicht einfach in eine Ecke stellen. Aber das sind grundsätzlich andere Erfahrungen, als die der ersten Generation.

Wie weit sind Sie mit dem Film?

Mit der Produktion haben wir noch nicht angefangen, ich lege Wert darauf, lange zu recherchieren. So ein Thema ist gerade in der heutigen Zeit heikel: Ich werde oft gefragt, wer denn dahinter stecke, ob es einen politischen Einfluss gibt. Um die aktuelle politische Ebene rauszunehmen, nahm und nehme ich mir sehr viel Zeit zu recherchieren, mir Geschichten anzuhören und Protagonisten zu finden.

Es gibt also viele Menschen, die vermuten, dass mit dem Film in eine politische Richtung argumentiert werden soll?

Ja absolut. Du wirst momentan als Deutschtürke überall, von jedem Deutschen und Türken auf deine politische Meinung angesprochen. Für Erdogan, gegen Erdogan. Die Gastarbeiter-Bewegung hat auch nichts mit der aktuellen Politik oder EU-Beziehungen zu tun. In erster Linie geht es um die Erfahrungen und Emotionen der ersten Generation.

Wie schwer ist es für Sie unter diesen Voraussetzungen zu arbeiten?

Man will einen schönen, nostalgischen Film machen und die Leute schreiben auf Facebook: Welche Organisation steckt genau hinter dem Projekt, mit wem kooperierst du? Und ich denke mir: Beruhige dich mal. Ich mache ja bewusst Crowdfunding, um den Film eben nicht mit Sendern, Unternehmen oder politischen Meinungen zu finanzieren.

Was ist Ihnen sonst klar geworden bei der Recherche?

Dass es auch so viele positive Geschichten gab, nicht alles nur negativ war. Die deutsch-türkische Freundschaft ist so viel wert, es lohnt sich einfach nicht, sie durch politische Akteure kaputt zu machen.

YASMIN POLAT, 2017-07-12
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