„Geld ist nicht alles. Sie wollen Freiheit.“

„Es geht uns hier gut“

Viele junge Menschen fliehen aus einer immer undemokratischer regierten Türkei – auch nach Berlin. Der Autor Barbaros Altuğ hat ihre Geschichte aufgeschrieben.

CANSET ICPINAR, 2017-11-27

Barbaros Altuğ stammt aus Ankara und lebt in Paris. 1999 gründete er die erste türkische Literaturagentur und schrieb als Kritiker für türkische Medien. Er verbrachte einige Zeit in Berlin, bevor er 2016 endgültig die Türkei verließ. Seine Novelle „Es geht uns gut“ erschien 2017 auf deutsch. taz.gazete traf ihn zum Gespräch in Hamburg.

taz.gazete: Herr Altuğ, „Es geht uns hier gut“ handelt von drei jungen Menschen, die nach den Gezi-Protesten 2013 beschließen die Türkei zu verlassen und nach Berlin ziehen. Gezi war ein Moment von Hoffnung für mehr Demokratie. Wieso handelt Ihre Novelle nicht vom Widerstand, sondern von Migration?

Barbaros Altuğ: Ich habe bei den Gezi-Protesten fast täglich mitdemonstriert. Gegen Ende habe ich vor allem bei den jungen Leuten die Erschöpfung beobachtet. Sie begannen ihre Hoffnungen zu verlieren, weil sie begriffen, die Türkei würde sich nicht mehr ändern lassen. Gezi hinterließ bei ihnen auch die Gewissheit, dass sie bald nicht mehr in diesem Land willkommen sein würden.

Bereits während der Proteste haben sie sich gefragt: Wo können wir hingehen? Es gab keine politische Bewegung, die sie in ihrem Anliegen unterstützt hat. Das ist nicht nur das Problem der AKP, sondern aller politischer Parteien. Wenn es ein Buch über Gezi geben musste, dann eins, das vom Weggang dieser Menschen berichtet.

Tatsächlich verlassen derzeit viele Menschen die Türkei. Seit Gezi ist die politische Situation immer schwieriger geworden. Warum ist Berlin so attraktiv für junge Menschen aus der Türkei?

In Spanien gibt es kaum Arbeit, in Italien muss man Italienisch können, Schweden will keine Migranten und Griechenland ist politisch so unsicher wie die Türkei. Was übrig bleibt ist Berlin. Diese Stadt ist offen für junge, gebildete und kreative Menschen. Wenn Sie eine erfolgreiche Vergangenheit haben oder eine aussichtsreiche Zukunft, dann gibt Ihnen Berlin zumindest eine Chance.

Außerdem existiert eine große türkeistämmige Community und sie können ausschließlich mit Türkisch oder Englisch auskommen. An keinem anderen Ort können Sie das ohne Kenntnisse in der Landessprache. Außerdem werden in Berlin türkeistämmige Menschen noch am wenigsten diskriminiert. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Sind Sie etwa auch ein Neu-Berliner?

Ich habe eine Zeitlang in Berlin gelebt, um an dem Buch zu arbeiten und hatte eine Wohnung in der Thorstraße.

…und haben dort Yasemin, Ali und Eren aus Ihrer Geschichte getroffen?

Es gab ein kleines Restaurant, in dem ich wenige Tage nach meiner Ankunft zu Mittag aß, als drei junge Leute rein kamen, zwei Männer und eine Frau. Sie hatten noch ihre Koffer dabei und unterhielten sich auf türkisch. Sie fragten sich, ob sie es wohl in Berlin schaffen würden einen Job zu bekommen und ob ihr Geld reichen werde. Meine Geschichte ist inspiriert von dieser Begegnung, vor allem Yasemins Figur.

Alle Mitglieder Ihres fiktiven Trios machen ihren Weg. Im Gegensatz zu Ihren literarischen Figuren haben Sie eine pessimistische Haltung zum Exil. Sie sagen, es gebe keine Hoffnung auf Rückkehr. Aber schon früher haben Menschen die Türkei verlassen, etwa nach dem Militärputsch 1980. Was ist heute anders?

Ich habe dieses Buch ein Jahr nach Gezi geschrieben und es mit einer hoffnungsvollen Aussicht beendet, weil ich wollte, dass sie irgendwann zurückkehren. Die Menschen, die gerade die Türkei verlassen, könnten das Land in eine bessere Zukunft führen. Aber heute befindet sich die Türkei am Rande eines Abgrunds und sie wollen nicht zurück. Ihre Freunde sitzen im Knast, wurden ermordet und ihre Familien sind zerrüttet.

Obwohl diese jungen Leute qualifiziert sind und ein finanziell abgesichertes Leben in der Türkei haben könnten, ziehen sie es vor, zu fünft in einem 40 Quadratmeter-Zimmer im Exil zu wohnen, weil sie nicht in einem System leben wollen, das keinerlei Kritik duldet. Geld ist nicht alles. Sie wollen Freiheit. Und es gibt keine Hoffnung mehr auf Freiheit in der Türkei. Warum sollten Sie zurückkehren?

Dennoch gibt es demokratische Bewegungen in der Türkei. Wie kann man diese von außen unterstützen?

Die Türkei kann sich nur durch die Menschen verändern, die geblieben sind. Vielleicht schaffen es gerade mal ein Prozent auszuwandern. Die Exilanten können aber durch kreatives Schaffen ihren Beitrag leisten: Bücher schreiben, Musik oder Filme produzieren und auf diese Weise Hoffnung geben.

Die Türkei ist kein reiches Land und hat keine eigenen Ressourcen. Die EU ist ihr wichtigster Handelspartner. Würden die Wirtschaftsbeziehungen abgebrochen werden, müsste die Türkei ihre Politik verändern. Hätte die EU die Türkei nach Gezi wirtschaftlich sanktioniert, wäre die Türkei heute vielleicht ein anderes Land. Eines, das von Europa nicht als Bedrohung wahrgenommen wird. Und diese Menschen wären vielleicht in ihrem eigenen Land geblieben.

Seit mehr als 50 Jahren migrieren Menschen aus der Türkei nach Deutschland. Wie ist das Verhältnis von alteingesessenen Deutschtürken und Newcomern?

Vor 55 Jahren sind die Menschen aus finanziellen Gründen ausgewandert. Dabei hat die Türkei versucht, weniger gebildete Menschen nach Deutschland zu schicken. Heute lebt bereits die dritte und vierte Generation Türkeistämmiger in Berlin, sie sind inzwischen Deutsche, und das ist gut. Dann gibt es Menschen mit intellektuellen Sorgen, die später gekommen sind, da sie aufgrund von Repressionen oder Selbstzensur nicht kreativ in ihrem Heimatland sein konnten. Das betrifft zum Beispiel alle, die ich kenne. Sie haben schon vor 10 oder 15 Jahren das Land verlassen.

Wir können die Gruppen der Türkeistämmigen nicht ohne weiteres miteinander vergleichen. Allerdings gibt es Parallelen zwischen den jüngeren türkeistämmigen Deutschen und den gleichaltrigen Newcomern. Sie teilen Herkunft und Kultur. Sie haben dieselben Bücher gelesen oder Filme gesehen. Wenn sie dasselbe Lied hören, dann haben sie vielleicht dasselbe Feeling. Zweifelsohne werden sie alle wissen, wer die Sängerin Ajda Pekkan ist (lacht). In jedem Fall gibt es gemeinsame Nenner. Daher ist eine Annäherung dieser Gruppen schon eher möglich, als in den vorigen Generationen. Mögen Sie zusammen glücklich werden.

Sie haben gerade „Türkce Alfabe“, ein Buch über den Genozid an der armenischen Bevölkerung geschrieben und arbeiten an einem weiteren über die aktuelle Situation von Journalist*innen in der Türkei. In beiden geht es um das Thema Exil. Wieso interessiert Sie das?

Exil kann vieles bedeuten, die Trennung von einem geliebten Menschen oder das Verlassen der Heimat. Das ist, als würde einem ein Körperteil abgeschnitten und ich will wissen wie es Menschen schaffen weiterzuleben. Seit der osmanischen Herrschaft wurden Millionen Menschen ins Exil gezwungen. Die erste Generation die weggeht, kann sich nie vom Heimatort lösen. Auch ihre Nachkommen haben weiter damit zu kämpfen.

Was wir den Menschen in der Vergangenheit angetan haben ist nicht zu verzeihen. Deutschland stellt sich seit Jahrzehnten seinen Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung. Wir hingegen haben unsere Geschichte nicht aufgearbeitet und uns dafür entschuldigt. Solche Verbrechen dürfen nicht sein. Ein Land, dass sich seiner Verantwortung entzieht kann nicht heilen. Seit Jahrzehnten werden Minderheiten diskriminiert und verfolgt. Deshalb lautet der Slogan der türkischen Faschisten „ya sev, ya terk et“. (Liebe das Land oder verlasse es)

Und was passiert, wenn man das Land nicht verlässt?

Das ist eine Drohung. Sie werden dich töten. Nur, dass das Wort töten nicht vorkommt. Den Spruch „Liebe das Land oder verlasse es“ können Menschen in der Türkei auf Transparenten in der Öffentlichkeit anbringen, ohne dafür belangt zu werden. Jeder, der anders ist, darf vertrieben werden. Aber auch ich liebe diese Land, nur nicht so wie sie. Eigentlich sind es genau diese Faschisten, die dieses Land nicht lieben.

Lesung im tazcafé: Dienstag, den 28.11.2017 um 19 Uhr spricht der Autor Barbaros Altuğ mit der taz.gazete-Redakteurin Ebru Taşdemir über seinen Roman, Gezi und die Türkei. Das Gespräch und die Lesung werden von Oliver Kontny simultan auf deutsch und türkisch übersetzt.

CANSET ICPINAR, 2017-11-27
ZURÜCK
TEILEN
MEHR VOM AUTOR
Unterstützen Sie taz.gazete und unabhängigen Journalismus im Netz!