Am 6. April nimmt der neue Flughafen in Istanbul seinen Regelbetrieb auf.
Mit Grafiken, Videos, Reportagen und Interviews beleuchtet taz gazete die Folgen des Megaprojekts für Menschen, Umwelt und Wirtschaft.

Lesen Sie mehr unter
taz.atavist.com/istanbul-flughafen

Rakel Dink bei der Gedenkveranstaltung zum neunten Todestag von Hrant Dink im Jahr 2016

Erinnerung trifft Hoffnung

Die Gedenkstätte für den ermordeten armenischen Journalisten ist der erste permanente Erinnerungsort an den armenischen Genozid in der Türkei.

JÜRGEN GOTTSCHLICH, 2019-04-23

„Wir wollen an diesem Ort nicht nur die Erinnerung an meinen ermordeten Mann Hrant Dink bewahren, sondern gleichzeitig einen Ort der Begegnung und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft schaffen“, sagte Rakel Dink, die Witwe von Hrant, während der Eröffnung einer Gedenkstätte für den ermordeten Journalisten am Montag. Zwölf Jahre nach der Ermordung von Hrant Dink hat die gleichnamige Stiftung der Öffentlichkeit eine Gedenkstätte vorgestellt, die bislang in der Türkei ohne Beispiel ist.

Der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich vor nunmehr 104 Jahren wird von staatlicher Seite immer noch bestritten. Stellvertretend für das Gedenken an den Genozid hat die Hrant Dink-Stiftung dem bekanntesten armenischen Intellektuellen der türkischen Republik, der genau deshalb ermordet wurde, weil er das Schweigen über den Massenmord an den Armeniern nicht länger hinnehmen wollte, einen Erinnerungsraum gewidmet.

Bereits Mitte der neunziger Jahre hatte Hrant Dink gemeinsam mit armenischen und türkischen Freunden die Wochenzeitung Agos gegründet, die sowohl in Türkisch als auch Armenisch erschien und damit den Anspruch anmeldete, aus armenischer Perspektive in der öffentlichen Debatte der Türkei mitzumischen. Hrant Dink als Chefredakteur war mit Agos auch deswegen erfolgreich, weil er zuerst einmal für einen Dialog warb, sich dafür einsetzte, miteinander zu reden, bevor über Schuld und Schuldige gesprochen wurde. Nicht zuletzt wegen des großen Echos, das Agos erzielte, wurde in den 2000er Jahren in der Türkei so offen über den Genozid diskutiert wie nie zuvor in der Republikgeschichte.

Die Grenzöffnung war ein Traum von Hrant Dink

Weil das den Nationalisten in allen politischen Lagern des Landes missfiel, wurde der fanatisierte Jugendliche Ogün Samast aus der Schwarzmeerstadt Trabzon nach Istanbul geschickt, um Hrant Dink zu ermorden. Während Samast festgenommen und verurteilt wurde, blieben die eigentlich Verantwortlichen in der Polizei, der Gendarmerie und in der Politik bis heute weitgehend im Dunkeln.

Hrant Dink wurde genau vor dem Haus, in dem sich damals die Redaktionsräume von Agos befanden, ermordet. Die Hrant Dink-Stiftung hat diese Räume jetzt wieder angemietet und in eine Gedenkstätte umgewandelt. Angefangen von der Hetze gegen Agos in den nationalistischen Medien bis hin zu den Dokumenten über die jahrelangen Prozesse ist dort alles einzusehen und nachzuvollziehen.

Aber auch hoffnungsvolle Entwicklungen sind dokumentiert. Ein armenisches Waisenhaus im Istanbuler Vorort Tuzla, Camp Armen, in dem Hrant Dink groß geworden war und das den Armeniern vor Jahrzehnten abgenommen wurde, ist nach einer erfolgreichen Kampagne dem armenischen Patriarchat wieder zurückerstattet worden und soll nun neu aufgebaut werden. In den Räumen der Gedenkstätte will die Stiftung Workshops für türkische und armenische Jugendliche anbieten, bei denen über eine gemeinsame Zukunft nachgedacht werden soll. Die Öffnung der Grenze zwischen der Türkei und Armenien war immer ein Traum von Hrant Dink.

Ein deutsches Künstlerduo hat dieser Entwicklung schon einmal vorgegriffen und Messingtafeln hergestellt, auf denen einmal „Armenische Botschaft“ in der Türkei und „Türkische Botschaft“ in Armenien steht. Rakel Dink hofft, dass solche Plaketten an den entsprechenden Botschaften bald tatsächlich Realität werden. „Die Hoffnung auf eine Verständigung zwischen der Türkei und Armenien ist unsere größte Motivation“, sagte eine Mitarbeiterin der Stiftung.

JÜRGEN GOTTSCHLICH, 2019-04-23
ZURÜCK
MEHR VOM AUTOR
Unterstützen Sie taz.gazete! Sie können für dieses Projekt spenden.